Mönchengladbach: Eine Honschaft im Grünen: Für kaum einen anderen Ort in Mönchengladbach trifft das so zu wie für Bell. Und doch fehlt den Einwoh
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 18.04.2009Mönchengladbach (RPO). Bell Willi Korsten kennt viele Zahlen auswendig. Die meisten davon sind Preise am Markt in Odenkirchen, oder Geburtstage. Oder aber sie haben irgendetwas mit seiner Heimat zu tun. Wie auch diese: "1742", sagt er stolz. "Seit 1742 wohne ich an der Bell." Der 81-Jährige fährt sich mit der Hand durch die Haare, blickt auf den Tisch, wo er viele Unterlagen ausgebreitet hat und sagt: "Nein, halt. Meine Familie wohnt seit 1742 an der Bell."
266 Jahre in der Odenkirchener Honschaft Bell – wer das Gelände zwischen Duvenstraße und Mülgaustraße einmal besucht, kann verstehen, dass es eine Familie durchaus ein paar hundert Jahre dort aushalten kann. Bell hat einen Freizeitpark, zwei Sportanlagen, eine Terrassenwohnanlage, einen Tiergarten, einen Kleingartenverein, ein Gymnasium in einem der schönsten Gebäude der Stadt – keine Frage, da lässt es sich leben.
So gut wie nichts erinnert an den ursprünglichen Wortsinn des Wortes Bell: sumpfiges Gelände, das ein tiefes, stehendes Gewässer ziert. Das französische Wort "belle" trifft es da besser: bildhübsch. Kaum eine andere Honschaft Mönchengladbachs darf für sich beanspruchen, einerseits nicht völlig auf dem Land zu liegen, und andererseits am Wochenende zu einem beliebten Naherholungsgebiet zu mutieren. "Bell ist an Wochenenden voller Radfahrer", sagt Emil Knour, Ehrenvorsitzender des Heimatvereins Odenkirchen. Und trotzdem sagt Willi Korsten etwas wehmütig: "Das Schwimmbad ist weg, der Beller Hof, die Beller Mühle – Bell hat nichts mehr zu bieten."
Dabei gehört Bell zu den älteren Honschaften Mönchengladbachs. Ihre erste Erwähnung hat Bell in einer Urkunde der Odenkirchener Schöffen bereits im Jahr 1444. Damals zählte Bell mit 21 Häusern und etwa 100 Einwohnern zu den kleinsten Honschaften Odenkirchens. Ende des 19. Jahrhunderts stieg diese Zahl wie in ganz Odenkirchen stark an. Nicht zuletzt auch wegen der Unternehmen, die sich dort ansiedelten. Die Spinnerei der Familie Dilthey war einer der größten Arbeitgeber in Odenkirchen. Arbeiter zogen auch nach Bell. Heute sind es mehrere tausend Einwohner. Doch die Industrie hat auch ihre Spuren hinterlassenl. Direkt gegenüber des Beller Parks steht die frühere Mülforter Zeugfabrik. Ein Brachgelände, auf dem es in den vergangenen Jahren mehr als 20 Mal gebrannt hat.
Mit den Einwohnern kamen auch die vielen Vereine nach Odenkirchen. Einer der ältesten war der Gesangsverein Liederkranz Bell aus dem Jahr 1883, dessen Vorsitzender Willi Korsten lange Zeit war. Anfang der 90er Jahre löste sich der Verein jedoch auf. "Kaum Nachwuchs", sagt Korsten.
Gerne denkt Willi Korsten an diese Zeit, seine Jugend, in Bell zurück. Und daran, wie er den ersten handbetriebenen Plattenspieler in der Villa der Familie Dilthey sah. Als 16-Jähriger bat er darum, sich ihn ausleihen zu dürfen. Dort, wo jetzt das Bärengehege des Tiergartens Odenkirchen steht, versteckte er sich mit seinen Freunden in einer Tannenschonung und hörte verbotene Jazzplatten. Welch Frevel!
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