Mönchengladbach: Eine Stadt im Niedergang
VON RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 15.01.2010Mönchengladbach (RPO). Im Berufsleben hat er Entwicklungshilfe in Lateinamerika betrieben, jetzt wendet er sein Wissen auf seine alte Heimat an. Dr. Klaus Eßer zeigt in einer Studie, wie viele Parallelen es zwischen Gladbach und Schwellenländern gibt.
In Mönchengladbach wurde Klaus Eßer vor gut 69 Jahren geboren, hier machte er am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium sein Abitur. Später verbrachte der Historiker, Politologe und Ökonom einen Gutteil seines Berufslebens als Abteilungsleiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Lateinamerika. Als er vor zwei Jahren zum Besuch von Freunden und Verwandten in die alte Heimat zurückkehrte, drängte sich ihm ein Eindruck auf. "Das ist eine Stadt im Niedergang, deren strukturelle Probleme mich sofort an vieles, was ich in Lateinamerika gesehen habe, erinnert haben", berichtet Eßer der RP.
Er begann gründlicher hinzuschauen. Forschte zur Geschichte der Stadt. Wertete aktuelle Studien aus. Führte rund 60 Gespräche mit Persönlichkeiten der Stadt. Seine Ergebnisse hat er nun auf 50 DIN-A4-Seiten zusammengefasst. Je weiter er in seiner Analyse voranschritt, desto mehr bestätigte seine Arbeitshypothese. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Parallelen zwischen den Schwellenländern und Mönchengladbach. Das mag mancher niederschmetternd finden, weil es das Ausmaß der Probleme verdeutlicht. Eßer meint es aber auch mutmachend. Denn es liefert zugleich Vorbilder, wie sich die tiefe Krise überwinden lässt.
Vor allem in der wirtschaftlichen Ausrichtung und deren Folgen sieht Eßer große Gemeinsamkeiten. "Es gab eine sehr unglückliche Spezialisierung auf einen Wirtschaftszweig", sagt Eßer. Die Textilindustrie habe kein Interesse an Diversifizierung gehabt. Sie lieferte Lohn und Brot für viele Geringqualifizierte. Als die "Deindustrialisierung" kam, wie Eßer die Zeit seit den 70er-Jahren nennt, wurden die meisten der wenig Ausgebildeten arbeitslos. Rund ein Drittel der Mönchengladbacher Bevölkerung ist auf Hilfe des Staates angewiesen. "Eine unglaubliche Quote", so Eßer. Der soziale Niedergang der Kommune sei unmittelbare Folge der nicht diversifizierten Wirtschaft. Bis heute sei der Umbau zu einem breit aufgestellten Wirtschaftsraum versäumt worden.
Genau dort würde Eßer ansetzen. Er leitet aus seiner Studie Handlungsempfehlungen ab – mit der gebotenen Vorsicht. "An manchen Stellen ist mein Ansatz noch schwach. Das müsste man noch erheblich vertiefen." Eine Idee sind Wirtschaftscluster, wie sie in Chile und Brasilien zum Erfolg geführt hätten. "Ich würde nicht allein auf Großinvestoren setzen", so Eßer. Auf Dauer zahle es sich aus, auf Kleinstgründungen zum Beispiel in den Bereichen INformationstechnologie und Umwelt zu setzen. "Aus kleinen Unternehmen werden auf Dauer mittlere."
Fest steht für Eßer: Kurzfristige Erfolge wird kein Rezept bringen. "Um diese Krise zu überwinden, braucht es Geduld." Und Gemeinschaftlichkeit. Die Solidarität zwischen den Bürgern müsse weiter ausgebaut werden – auch, um die Bildung der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Und auch die Parteien sollten laut Eßer gemeinsam an der Überwindung der Krise arbeiten.
25 Kopien seiner Studie hat Eßer an Entscheider der Stadt verschickt, auch an den Oberbürgermeister. Einige haben schon geantwortet. Jetzt will er die Kommentare seiner Leser auswerten. "Ich werde weiter an dem Thema arbeiten", verspricht er.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







