Mönchengladbach: Eltern lernen erziehen
VON CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 12.02.2009Mönchengladbach (RPO). Die Gewalt in Familien steigt, Kinder schwänzen die Schule, werden vernachlässigt oder sogar misshandelt. Viele Eltern sind mit der Erziehung völlig überfordert. Gestern diskutierten Fachleute Wege aus der Krise.
Mitten in Mönchengladbach gibt es Kinder, die hungern. Allein 600 Familien versorgt die Tafel mit kostenlosen Lebensmitteln. Wie viele Eltern nicht den Weg dorthin finden und ihre Kindern mangelhaft ernähren, ist unbekannt. "Wenn die Eltern Erziehungsarbeit übernehmen würden, müssten diese Kinder nicht hungern", sagt Dr. Ulrich Unzner, Vorstand von In-Vita-Socialis. "Natürlich ist Elterführerschein ein Reizwort. Aber jeder Autofahrer muss einen Führerschein machen – nur für eine Maschine", sagt er.
Die äußeren Zeichen der Vernachlässigung von Kindern sind meistens leichter zu erkennen, die psychischen, emotionalen und intellektuellen Defizite oft sehr schwer. Viele Eltern sind schlichtweg mit der Erziehung überfordert. Manche erziehen überhaupt nicht mehr. Andere haben es nie gelernt. Doch Kindes-Vernachlässigung ist nicht nur ein Problem sozial und finanziell schwacher Familien. Auch Akademiker-Eltern, die ihre Kinder unter enormen Leistungsdruck setzen, vom Ballett-Unterricht zur Musikschule und zum Reiten karren, achten die Bedürfnisse ihres Kindes nicht. Braucht Mönchengladbach eine Elternschule?, fragt deshalb das christliche Institut für Mensch und Gesellschaft "In-Vita-Socialis". Gestern trafen sich Fachleute in der Stadtsparkasse, um die Frage zu diskutieren.
"Es gibt eigentlich eine ganze Menge Angebote in der Stadt", sagt Dr. Ulrich Unzner. Doch die Not werde dadurch kaum gelindert. Kindergärtnerinnen und Lehrer berichteten immer wieder von Fällen, in denen überforderte Eltern massive Probleme bei der Erziehung haben. Der Verein will das Problem angehen. "Es geht dabei nicht nur um finanzielle Hilfen", sagt Unzner. Er könne sich auch vorstellen, mit ehrenamtlichen Eltern-Paten zu arbeiten. "Die Gesellschaft muss sich des Problems annehmen", sagt er.
Die Idee einer Elternschule oder eines Elternführerscheins kam bereits Ende der 80-er Jahre auf. Und sorgte – wie auch heute – für heftige Diskussionen. "Ich finde den Begriff Elternschule nicht so gut", sagte auch Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler von der Fachhochschule Köln. Sie bevorzugt "Eltern und Familienunterstützung". Das Ziel: Eltern in unterschiedlichen Lebenslagen und mit unterschiedlichen Problemen zu erreichen.
Das sind Familien mit Migrationshintergrund ebenso wie das gebildete Bürgertum. "Je isolierter eine Familie ist, desto eher neigt sie zu Erziehungsgewalt", sagt die Professorin. Deshalb sei es wichtig, Netzwerke zu knüpfen. Um die betroffenen Familien zu erreichen, sollen niedrigschwellige Angebote wie Elterncafés helfen. Erst, wenn sich die Eltern verstanden fühlen, könne Kritik konstruktiv angebracht werden.
Eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft sollte später auch Erzieher und Lehrer der betroffenen Kinder mit einbinden. Dabei müssten aber auch gegenseitige Vorurteile abgebaut werden.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





