Mönchengladbach: Fans trafen Schnitzler: "Ich habe geheult"
zuletzt aktualisiert: 05.10.2011Mönchengladbach (RP). Es ist still im Fanhaus nahe des Borussia-Parks. Fast 200 Menschen sitzen da und schauen gebannt auf das Podium. "So ruhig war es noch nie hier bei einer Veranstaltung", wird später Matthias Neumann vom Fanprojekt sagen.
Er moderiert die Buchlesung, die für Borussias Fans eine besondere ist. Denn ihr Klub ist ein Teil der unschönen Geschichte von René Schnitzler, der vom Fußballtalent zum Glücksspieler wurde. "Zockerliga" heißt das Buch, und geschrieben haben es die Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer.
Beide Autoren sind ebenfalls da, Schäfer liest gut 90 Minuten aus dem Werk. Danach wird diskutiert. Schnitzler schaut hinüber zu Schäfer, nippt an seiner Cola. Er habe das Buch nicht gelesen, sagt Schnitzler. Man sieht ihm an, dass er kein Sportler mehr ist: Er ist kräftig geworden. Über dem Mönchengladbacher hängt ein Fanschal: "SOS 2007" steht darauf, und irgendwie passt das: Schnitzlers Geschichte ist die eines Untergangs, er hat seine Fußballkarriere an die Spielsucht verloren.
Es geht um Fußball an diesem Abend, aber auch um Milieu. In Gladbach, Viersen, Venlo, Hamburg, überall, zockte Schnitzler, er hatte mit Zuhältern zu tun, mit Geldleihern und Wettpaten. Schnitzler wollte sogar professioneller Pokerspieler werden. Bis er aufwachte. In einer Gefängniszelle in Bochum, nachdem er abgeholt worden war, weil er verdächtigt wird, Fußballspiele manipuliert zu haben. "Das habe ich aber nie getan", sagt Schnitzler. Doch den Kontakt zur Wettmafia, den hatte er.
Er brauchte Geld, weil er alles verspielt hatte. "Die Nacht im Gefängnis war der Schlag in die Fresse, der nötig war", sagt er. Einmal bittet er, dass ein wenig weggelassen wird beim Vorlesen. Es wird danach gefragt. "Ich habe geheult", trägt Wigbert Löer die Textstelle nach. Es geht um die Nacht im Gefängnis. Es geht an diesem Abend um Schuld und Sühne, aber auch um Verrat. Schuld sei die Krankheit, die Spielsucht, sagt Schnitzler. Er wird bald stationär behandelt, acht Wochen.
Ein Fan will wissen, ob er es sich damit nicht zu einfach macht. Bis er die Sucht überwunden hat, werden aber Jahre vergehen, sagt Schnitzler. Er gibt sich als reuiger Sünder, spricht offen über sich. Die Fans wollen wissen, ob er auch an sie gedacht hat, als er zusagte, Spiele zu manipulieren. Es geht um das Vertrauen in den Fußball. "Wenn ein Spiel verschoben wird, habe ich ein Problem damit, dann können wir den Laden zumachen", sagt Thomas Weinmann, Borussias Fanbeauftragter.
Es gibt Applaus, als er das sagt. Es ist die dritte Lesung Schnitzlers. "Ich bin froh, dass so viele von euch gekommen sind", sagt er. In Menden waren nur vier Menschen da. In Gladbach kennt man Schnitzler.
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