Mönchengladbach: Fohlen galoppieren schneller als Geißböcke 1. FC Köln: Ein „Jeföhl“, das verbindet
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 04.10.2008Mönchengladbach (RPO). Angefangen hat alles mit Hans-Jörg Criens. In der Grundschule konnte ich das Konterfei des Stürmers für mein Album mit den Fußball-Sammelbildchen eintauschen. Damit hatte ich die erste Mannschaft komplett. Am darauffolgenden Wochenende sah ich in der „Sportschau“ einen Sieg meiner Borussia. Das Ergebnis habe ich vergessen, aber den entscheidenden Treffer erzielte der Mann, dessen Foto ich gerade frisch in mein Album geklebt hatte.
Der Beginn einer Leidenschaft
Dieses Tor war der Beginn einer Fußball-Leidenschaft, die seither nicht mehr verblasste. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, wie es der britische Schriftsteller Nick Hornby („Fever Pitch“) einmal schrieb: Man sucht sich nicht den Verein aus, sondern der Verein packt einen einfach und von diesem Moment an ist man Fan. In guten wie in schlechten Zeiten.
Die Derbys gegen Köln sind seither mit die schönsten Spiele. Auch weil sie für Borussia meist gut ausgehen. Fohlen galoppieren eben schneller als Geißböcke. Und sie springen höher, wenn es drauf ankommt. Fünf Deutsche Meistertitel holten die Gladbacher. Die Kölner schafften nur drei.
Zudem hatten die Borussen stets ihren „Köln-Schreck“ im Kader. Sei es Günter Netzer, der sich im legendären Pokalfinale 1973 selbst einwechselte, um das Traumtor zum Sieg zu schießen. Oder Martin Max und Peter Wynhoff, die den „Effzeh“ in den 90er Jahren mitunter fast im Alleingang schwindelig spielten. Nicht zu vergessen auch Arie van Lent, der beim 4:0-Heimsieg in der Saison 2001/2002 innerhalb kürzester Zeit einen umjubelten Hattrick erzielte – ausgerechnet kurz vor Karneval.
Bitte hinten anstellen
Um es dennoch zu sagen: Ich habe nichts gegen Köln. Der Verein ist mir an 32 Spieltagen herzlich egal. An den anderen beiden ist er wie das Salz in der Suppe. Bei einem Derbysieg gibt er dem Tag genau die richtige Würze. Und eine Niederlage schmeckt einfach nicht. Trotzdem: Der 1.FC Köln gehört in die Bundesliga. Sportlich darf er dann auch gerne mal leiden. Und sich, bitte sehr, am Saisonende hinter Borussia einreihen.
Der 1. FC Köln ist kein Fußballverein. Er ist eine Herzensangelegenheit. Wenn ein FC-Fan über seinen Club spricht, blitzen rot-weiße Funken in seinen Augen. Aus Freude über kölsche Superstars, einen Geißbock als Maskottchen, Karneval im Stadion und über sich selbst. Mangels attraktiver Ereignisse auf dem Rasen hat die FC-Anhängerschaft in den vergangenen Jahren die Selbstinszenierung perfektioniert. Irgendetwas feiert der Kölner eben immer. Notfalls sich selbst.
Leidensfähigkeit und Selbstironie
Der FC ist das gute Gewissen eines Kölners, der Geißbock sein Haustier. Mag die Stadt auch Dom, Karneval und Kölsch sein. Ohne den Ersten Fußballclub ist all das nichts. Nur dieses „Jeföhl“ kann so manches FC-Paradoxon erklären: Je schlechter der Traditionsclub spielt, desto größer ist der Zuschauerschnitt. Je mehr Anti-Fußballer (man erinnere sich an Georgi Donkov, Ralph Hasenhüttl und Marco Reich) eingekauft werden, desto mehr lassen sich eine Mitgliedskarte nach Hause schicken. Leidensfähigkeit und Selbstironie („Wir sind nur ein Karnevalsverein“) sind Teil des Selbstverständnisses. Man hängt am Verein, nicht an seinen Spielern. So lässt sich auch erklären, dass 50 000 Zuschauer im Stadion „Mer stonn zo dir“ schmettern, während der weltweit wohl einzige Brasilianer ohne Ballgefühl im FC-Trikot gerade einen Zwei-Meter-Pass versemmelt.
Der Mythos FC ist eine Mischung aus Lokalkolorit, Stolz und ungebremstem Selbstbewusstsein. Woher es kommt? Aus tiefer Überzeugung. War nicht der 1. FC Köln Gründungsmeister der Bundesliga? War es nicht der FC, der sich vom 12:0-Kantersieg der ungeliebten Provinz-Borussen aus Mönchengladbach 1978 nicht die Meisterschaft entreißen ließ und am letzten Spieltag 5:0 bei St. Pauli gewann. Nur in der Toleranz-Hauptstadt Köln kann ein Österreicher 79 Tore in 150 Spielen schießen (Polster). Und nur mit Kölnern kann Deutschland Fußball-Weltmeister werden. Erst Schäfer, Overath und Littbarski. 2010 dann Podolski. Mit Heilsbringer Christoph Daum wird auch der Satz von Club-Gründer Franz Kremer aktuell: „Wollt ihr mit mir Deutscher Meister werden?“ Ja, 2009. Borussia ist nur eine Etappe.
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