Mönchengladbach: Frühstück im Café Pflaster
VON HOLGER HINTZEN - zuletzt aktualisiert: 13.06.2008Mönchengladbach (RPO). Einen Kaffee für ein paar Cent, eine Dusche und die Bereitschaft zuzuhören – das bieten die Mitarbeiter des Café Pflaster nicht nur Obdachlosen und Drogensüchtigen. In das Haus an der Aachener Straße kommen auch Menschen, die von Jobverlust oder Krankheit aus der Bahn geworfen wurden.
Die Kiste mit den blauen und weißen Karteikarten ist proppevoll. „Hier sind alle drin, die mal bei uns waren“, sagt Heike Wegner und streicht mit der Hand über die abgegriffenen Pappkarten. Der Kasten ist so etwas wie das Gästebuch des Café Pflaster. Etwa 500 Namen stehen darin. 500 Menschen, deren Leben irgendwann einmal aus der Bahn geraten sind. 500 Geschichten, die von Armut handeln oder von Krankheit, in denen oft Alkohol und andere Drogen vorkommen – und nicht selten alles auf einmal. Hin und wieder muss Heike Wegner Karten aussortieren. Dann ist einer ihrer Besucher gestorben. „Das Aussortieren ist so ein persönliches Ding von mir“, sagt die Leiterin des Cafés, „aber das ist eine andere Geschichte.“
Nachfragen erübrigt sich wohl. Und Zeit dafür ist eigentlich auch nicht. Denn um kurz nach acht Uhr herrscht in dem Haus an der Aachener Straße wie jeden Morgen starker Betrieb. Es ist Frühstückszeit. Vor der Klapptheke, die in einem Türrahmen die Grenze zum Reich von Küchenchefin Maria Alam und ihrer Crew markiert, kommt es zu kleinen Staus. Maria Alam ist mal wieder früher gekommen als sie eigentlich muss und hat mit ihrer Mannschaft belegte Brötchen und kannenweise Kaffee vorbereitet.
Das Küchen-Trio ist guter Laune. Fernando Balducci, der früher in der Gastronomie gearbeitet hat und nun als Ein-Euro-Jobber zum Betreuer-Team gehört, fiebert der kurz bevorstehenen Hochzeit seiner Tochter entgegen. Alam macht ihm Mut. Der ein oder andere Gast lässt sich von der Munterkeit anstecken. Dann wird geordert, als säße man gemütlich in seinem Stammlokal: „Marie – ein Kaffee!“ Anderen fällt der Start in den Tag schwerer. Ein älterer Mann hat zwei Kaffeebecher bekommen. Als er sie nach nebenan in den Aufenthaltsraum trägt, zittern seine Hände.
Ein Besucher, schätzungsweise Mitte vierzig – schiebt statt 30 Cent für einen großen Kaffeepott einen kleinen weißen Zettel über die Theke. Der Bon ist die Zweitwährung im Café Pflaster. „Wer kein Geld hat, kann bis zu drei Euro anschreiben lassen“, sagt Wegner. Ausbezahlt wird der Kredit in Bons. Manche Gäste legen vorsichtshalber ein kleines Bar-Konto an. „Die geben uns zehn Euro, wenn sie Geld haben, und davon können sie dann zehren“, sagt Wegner.
Denn Frühstück ist wichtig. Wenn man die Nacht auf der Straße verbracht hat, sowieso. Aber auch, wenn man wie viele Café-Besucher in einer kleinen Wohnung oder bei Freunden wohnt. Mancher Besucher hat das Frühstücken im Café neu erlernt. „Wenn man lange Zeit morgens gar nichts gegessen oder eine Pulle Bier getrunken hat, muss sich der Körper erst wieder ans Essen gewöhnen“, sagt Wegner.
Gesundheitliche Probleme haben viele der Besucher. Schlechte, mitunter kalte und feuchte Wohnungen, Armut, Drogenmissbrauch, die Unfähigkeit, einen normalen Alltag zu organisieren – das hinterlässt Spuren. Und Schlimmeres. „Manche haben eitrige Abszesse an den Armen, aber die zeigen sie uns auch nicht immer“, sagt Dirk Goedeking. Vertrauen aufbauen, sei eine seiner wichtigsten Aufgaben, meint der Sozialpädagoge.
Oft geht Goedeking mit Marlene Beckmann auf die Straße. Beckmann ist eine von zwei Krankenschwestern im Team. Kleinere Beschwerden können sie draußen behandeln. Im Café haben sie aber auch ein eigenes Krankenzimmer, in dem sie sich in Ruhe kümmern können. Fußpflege, Verbände anlegen – das ist Alltag für Beckmann. Manche ihrer Patienten bemerken gar nicht, wie schlecht es ihnen geht. Das Gefühl für den eigenen Körper ist verschwunden. „Manchmal begleite ich auch Leute zum Arzt, die sich da alleine nicht hintrauen“, erzählt Beckmann. Warum? „Weil manche mit Ärzten schlechte Erfahrungen gemacht haben und sich unfreundlich behandelt fühlten.“
In der Küche kriegt das Trio neue Arbeit. Mitarbeiter der Gladbacher Tafel stehen im Flur und bringen einige Paletten original verpackten Zupfkuchen. „Der ist noch bis morgen haltbar“, sagt Alam. „Kann mal einer mit anpacken“, ruft Heike Wegner ins Gewusel. Und wenig später steht ein ganzer Stapel Kuchen-Paletten neben der Küchentür. Gegenüber an der Wand hängt eine Liste mit einem Bundesliga-Tippspiel. Etwa 50 Namen stehen darauf. Einer davon ist Uwe Kamps, der frühere Borussen-Torwart. „Da bin ich stolz drauf, dass der hier war“, sagt Wegner.
Schließlich gab es in der weiteren Nachbarschaft auch Bedenken, als das Café 2001 eröffnete. Ein paar Häuser weiter waren Geschäfte, und um die Ecke beginnt die Vergnügungsmeile Alter Markt mit Kneipen und Restaurants. Das Café-Team hat versucht, offen damit umzugehen. „Wir haben mit den Leuten gesprochen und, wenn mal etwas vorgefallen ist, auch mit den Besuchern“, sagt Wegner.
Große Probleme gebe es heute nicht mehr, meint die Sozialarbeiterin. Ein Dutzend Besucher sei inzwischen für die Initiative Clean Up aktiv. Gegen eine Aufwandsentschädigung sammeln sie Müll in Parks und auf Plätzen. Der Bezirksbeamte der Polizei komme regelmäßig vorbei – der Kontaktpflege wegen. „Der war mal Polizeihundeführer. Wenn der kommt, bringt er manchmal dem Hund eines unserer Besucher etwas bei.“
Manche Gäste achteten auch untereinander darauf, dass es keinen Ärger gebe, sagt Wegner. „Die haben verstanden: Wenn wir hier einen schlechten Ruf kriegen, ist die Bude zu.“ Die Haus-Regeln kann jeder auf einem Zettel nachlesen, der neben der Tür zum Aufenthaltsraum hängt: Mitführen, Konsum und Handel von illegalen Drogen ist im Café untersagt. Alkohol auch. „Und jegliche Form von Gewalt.“
Dass der Plan, in Rheydt an der Bruckner Allee ein weiteres Café Pflaster zu eröffnen, dort bei manchen Anwohnern Befürchtungen auslöse, könne sie verstehen, sagt Heike Wegner. „Aber die Vehemenz, mit der sich das äußert, finde ich ungerecht. Ich gaube, man wird dort sehen, dass die Realität anders aussieht als befürchtet.“
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