Mönchengladbach: Gasunglück: Ursache unklar
VON ANDREAS GRUHN, DIRK RICHERDT UND GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 18.08.2008Mönchengladbach (RPO). Nach dem Großalarm, der durch eine Kohlendioxid-Wolke aus einem Lackdepot in Güdderath ausgelöst wurde, hat sich der Geschäftsführer bei Anwohnern entschuldigt. Ein Sachverständiger vom nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt (LKA) hat die Ermittlungen zur Unfallursache aufgenommen.
Jürgen David war geschockt, als ihn um 8 Uhr der Anruf erreichte: „Gasunglück auf unserem Firmengelände.“ Bei der Dyrup GmbH am Klosterhofweg in Güdderath war eine Kohlendioxid-Wolke entwichen. Von der Mosel fuhr der Geschäftsführer der deutschen Niederlassung aus seinem Kurzurlaub direkt nach Mönchengladbach und kam am abgesperrten Unglücksort an. „Unsere Firma ist der Auslöser für über 100 Verletzte. Wir sind schuld“, sagte David sichtlich mitgenommen. „Wir wollen uns bei allen Anwohnern persönlich entschuldigen.“ Noch am Nachmittag, als die Anwohner wieder in ihre Häuser zurück durften, machte sich ein Teil der 65 Mitarbeiter, die Dyrup an diesem Standort beschäftigt, auf durch Güdderath und klingelte an Haustüren.
Unglücks-Billanz
Über 160 Rettungskräfte der Berufsfeuerwehr und der Freiweilligen Feuerwehr. Mehr als 150 Einsatzkräfte von Hilfsorganisationen wie Johanniter, ASB und Rotes Kreuz.
Etwa 100 Polizeibeamte
Hubschraubereinsätze wurden vom ADAC und vom Bundesgrenzschutz geflogen.
Verletzte 107, darunter drei Feuerwehrleute. 19 kamen ins Krankenhaus, zehn wurden bis gestern wieder entlassen. Eine Frau befindet sich noch in der Klinik.
Evakuierte 150 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Betroffen waren 50 Häuser.
Vielen Anwohnern saß der Schreck noch in den Gliedern. Martinshörner hatten die Menschen, die am Klosterhofweg, am Konnental und in den Nebenstraßen der Nievelsteinstraße wohnen, am Samstagmorgen gegen 7 Uhr geweckt. Kurze Zeit später schoben zwei Feuerwehrleute in schwarz-gelben Atemschutzanzügen eine Rolltrage mit einem bewusstlosen Mann den Klosterhofweg hinunter. Gespenstisch sei der Anblick der stehenden Autos mit bewusstlosen Fahrern am Steuer gewesen, erzählt eine Anwohnerin. Erschreckend auch die Durchsagen von der gefährlichen Gaswolke.
Elisabeth Kliewe (73) vom Klosterhofweg war um ihre Gesundheit besorgt. „Als ich zum Kontrollieren in den Keller ging, bekam ich Atemnot und musste hecheln“, sagte die Frau, die an Asthma leidet. Ähnliche Erfahrung machte auch Alexander Dahners, der mit seiner Familie fast nebenan wohnt. „Ich habe mir im Fernsehen die olympischen Spiele angeguckt. Plötzlich blieb mir die Luft weg, ich atmete schwer, als ob ich einen Marathonlauf hinter mir hätte.“ Auch seine am Boden liegenden Hunde hätten unnatürlich gehechelt. Als die Familie sich mit den Tieren ins obere Stockwerk zurückzog, sei es besser geworden.
Shamilla Bayat hatte gerade das Haus verlassen um Brötchen zu holen, als „die Polizei plötzlich vor und hinter mir die Straße abriegelte“. Sie habe überhaupt nicht gewusst, was los sei. Später habe sie ein Feuerwehrmann aufgeklärt. „Ich habe mir Sorgen gemacht und ständig mit meiner Familie telefoniert, zu der ich nicht mehr kam.“
Ein Brand in den Hallen von Dyrup hatte den Großeinsatz ausgelöst. In dem Depot, in dem etwa 500 000 Liter Lacke, Farben und Lasuren, darunter auch brennbare Stoffe, lagerten, war eine Palette mit Sägespänen aus bislang ungeklärter Ursache in Brand geraten. Dadurch wurde die Löschanlage in Gang gesetzt. Das ausströmende Kohlendioxid sollte das Feuer ersticken und tat es auch. „Die Anlage hat funktioniert, wie sie sollte“, sagte David. Die Löschanlage bei Dyrup wird alle zwei Monate gewartet. Am Mittwoch wäre der nächste Wartungstermin mit der Feuerwehr gewesen.
Warum die Gaswolke ins Freie entweichen konnte, war auch gestern, einen Tag nach dem Unglück, noch nicht geklärt. Die Kriminalpolizei hatte bereits am Samstagnachmittag die Ermittlungen aufgenommen, aber Ergebnisse werden erst in ein paar Tagen erwartet. War es ein technischer Defekt oder menschliches Versagen? „Derzeit können wir noch nichts ausschließen“, sagte Kriminalhauptkommissar Michael Götze. Über Konsequenzen, ob diese Art Löschanlage für diesen Ort geeignet ist, mochte NRW-Innenminister Dr. Ingo Wolf am Samstag nichts sagen: „Dazu ist es noch zu früh.“ Wolf war am Nachmittag angereist, um sich vor Ort mit Oberbürgermeister Norbert Bude über den Unfall zu informieren. Der Innenminister lobte die Einsatzkräfte: Die knapp 500 Feuerwehrleute, Kräfte von der Stadt und der Polizei „haben in einer sehr gut koordinierten Aktion gearbeitet“.
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