Mönchengladbach - mit Kommentar: Geldnot: Veilchendienstagszug in Gefahr
VON RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 10.06.2010 - 17:26Mönchengladbach - mit Kommentar (RPO). Die Karnevalisten leiden unter der Wirtschaftskrise. Sponsoren geben nicht mehr so viel Geld für den Zug am Veilchendienstag. Jetzt soll es ein Förderverein richten – auch damit sich Bernd Gothe beruhigt zurückziehen kann.
400 000 Euro kostet es, den Veilchendienstagszug auf die Beine zu stellen – das Wurfmaterial ist dabei noch nicht einmal mitgerechnet. Ob diese Summe für den nächsten Zug wieder zu stemmen ist, weiß Bernd Gothe, Vorsitzender des Mönchengladbacher Karnevalsverbands (MKV), noch nicht. „Wir haben echte Probleme“, sagte Gothe bei der Mitgliederversammlung.
Sponsoren geben wegen der Wirtschaftskrise nicht mehr so viel, noch fehlt ein Vertrag mit einer Brauerei, und auch die Sammelaktion mit den Clowns im vergangenen Jahr floppte. Darum gründet der MKV nun einen Förderverein. Der Jahresbeitrag kostet elf Euro, weswegen Gothe hofft, dass auch kleine Handwerksbetriebe und viele Privatleute zur Unterstützung des Karnevals mitmachen werden. Dazu sollen alle Gewerbetreibenden in der Stadt angeschrieben werden. „Und wir wollen richtige Hausbesuche machen, um auf unseren Verein aufmerksam zu machen“, kündigt Gothe an.
Ausgerechnet der Freundeskreis, früher eine verlässliche Einnahmequelle, hat die Karnevalisten zu letzt im Stich gelassen. Von den einst 1000 Mitgliedern ist nur ein Bruchteil geblieben; viele zahlen ihren Jahresbeitrag von 66 Euro nicht. Über 8000 Euro fehlen den Karnevalisten, seit sie die Karteileichen abgeschrieben haben. „Unser Zug hat eine hohe Qualität. Und das kostet nun einmal eine Menge Geld“, sagte Gothe bei der Versammlung in der Gaststätte Alt-Eicken. Wolle man auch weiter Marathon-Jecken aus Köln und Düsseldorf anziehen, die nach Rosenmontag hier weiter feiern, müsse man an der Qualität arbeiten. Dazu gehörten auch attraktive Fußgruppen.
Die Finanzfrage drückt Gothe besonders, weil er geregelte Verhältnisse übergeben möchte – und zwar lieber jetzt als bald. Fast eindringlich bat er die Mitglieder, bei der Suche nach einem neuen MKV-Vorsitzenden mitzuhelfen. Man könne die Aufgabe auch auf mehrere Schultern verteilen. Gothe ist noch für zwei Jahre gewählt. „Und ich habe mich noch nie im Leben aus einer Verantwortung gestohlen“, versicherte er den Mitgliedern. Doch ein Nachfolger müsse idealerweise rechtzeitig eingearbeitet werden.
Wie berichtet könnte es beim nächsten Veilchendienstagszug anderes Bier geben. Der Vertrag mit Hannen/Carlsberg ist ausgelaufen. Verlängert wurde er bislang nicht. Gothe sagte, er könne sich auch zwei Sponsoren, einen für Alt und einen für Pils, vorstellen. Offenbar laufen derzeit Gespräche, unter anderem mit Bolten und Bitburg.
Und noch etwas wird in der kommenden Session neu sein: Die Nostalgiesitzung, angelehnt an die Kölner Flüstersitzungen, wird nicht mehr im Palace St. George sein. Eine denkbare Alternative ist das Haus Erholung.
Klar: Die Zeiten sind ungemütlich. Und nicht nur vielen Privatleuten, sondern auch den Unternehmern sitzt deswegen das Geld nicht mehr so locker in der Tasche. Doch der Karneval ist genau wie das Schützenwesen kein Klimbim, auf das man in Krisenzeiten halt verzichten kann.
Im Gegenteil: Das Brauchtum ist wichtiger Kitt, der die Stadt zusammenhält. Es spannt Auffangnetze, die in der Not unerlässlich sind. Darum brauchen wir das Brauchtum mehr denn je. Und jeder sollte tunlichst überlegen, ob ihm das nicht elf Euro einmal pro Jahr wert ist.
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