Mönchengladbach: Handeln statt jammern
zuletzt aktualisiert: 27.07.2009Mönchengladbach (RPO). Der neue IHK-Präsident Heinz Schmidt fordert einen verbindlichen Masterplan für Mönchengladbach. Von den Politikern verlangt er Mut zu überfälligen Entscheidungen, von den Unternehmern Mut zum Risiko. Die Region sieht er vor einem Aufschwung.
Wir erleben gerade eine Zeit, in der Unternehmer den Staat um Hilfe anrufen. Ist das richtig?
Schmidt Ich halte das für sehr gefährlich. Ich würde es begrüßen, wenn all diese Unternehmen erst mal ihre eigenen Hausaufgaben machen und selber mit aller Kraft versuchen würden, etwas zu bewegen. Die Folgen können fatal sein. Wenn es irgendwann bei vielen wirklich nicht mehr ohne Hilfe geht, sind die Töpfe leer.
Was erwarten Sie in diesen schwierigen Zeiten von Unternehmern?
Schmidt Dass sie etwas unternehmen, also sich auf die alten Tugenden besinnen. Und die heißen: sparen, sparen, sparen. Noch härter arbeiten, was ausdrücklich auch für die Unternehmer selbst gilt. Und Risiko eingehen. Wer das nicht tut, ist kein Unternehmer, sondern ein Verhinderer. So genannte schlechte Zeiten sind die besten Zeiten, um zu investieren.
Beherzigen Sie das in Ihrer eigenen Gruppe?
Schmidt Wir sind dabei, weiter zu wachsen.
Wo steht Mönchengladbach wirtschaftlich?
Schmidt Es ist in den vergangenen Jahren eine Menge Positives bewirkt worden. Die Stadt steckt noch mitten im Strukturwandel, doch bei der Wachstumsdynamik und bei der Standortqualität holt sie auf.
Das klingt im Vergleich zu Ihrer Einschätzung zum Unternehmertum sehr milde.
Schmidt Natürlich gibt es noch vieles zu verbessern. Doch zum Beispiel die Politik der Wirtschaftsansiedlung finde ich richtig. Wir brauchen Unternehmen mit hoher Personalquote. Die sorgen für Kaufkraft. Und wenn die beiden Innenstädte in Gladbach und Rheydt entwickelt werden, wird dieses Geld auch wieder in erster Linie in unserer Stadt ausgegeben. Das Ganze ist wie ein Uhrwerk, bei dem ein Rädchen ins andere greift. Ich bin optimistisch, dass wir das bald in Mönchengladbach wieder erleben werden.
Wie lässt sich die Innenstadt beleben?
Schmidt Die Stadt braucht einen Masterplan, der im Zusammenspiel von externen Experten, Politik und Bürgern aufgestellt wird. Die Initiativen, die es in diese Richtung gibt, finde ich gut.
Beteiligt sich die Wirtschaft an den Kosten?
Schmidt Da kann man ein Haus drauf bauen. Es gibt viele Beispiele wie den Initiativkreis oder Clean ist cool, bei denen Unternehmer sich für sinnvolle Projekte engagiert haben. Eines muss allerdings klar sein: Gibt es einen Masterplan, muss sich die Politik verpflichten, ihn ohne Wenn und Aber als Richtschnur zu akzeptieren. Einzelinteressen lassen sich dann nicht mehr an einem Masterplan vorbei verwirklichen. Und das ist richtig so.
Wie kommt Mönchengladbach von seinem Schuldenberg herunter?
Schmidt Ganz einfach: sparen, sparen, sparen. Die Stadt hat genügend Einnahmen. Sie hat ein Ausgabenproblem. Und das heißt für die Politiker: Sie müssen handeln.
Viele der Ausgaben sind Pflichtausgaben. Kann es die Stadt denn aus eigener Kraft überhaupt schaffen, einen ausgeglichenen Haushalt aufzustellen?
Schmidt Ich bin ein optimistischer Unternehmer. Das ist zu schaffen. Gleichwohl finde ich richtig, dass man aufgrund der besonderen Schieflage Unterstützung von Land und Bund einfordert.
Was kann die Stadt etwa bei den Gebühren für Unternehmer und Bürger selbst tun?
Schmidt Die GEM leistet hervorragende Arbeit unter schwierigen Bedingungen. Sie haben einige Altlasten übernommen. Trotzdem kann es nicht sein, dass die Müllgebühren in Mönchengladbach so viel höher sind als andernorts. Da braucht es eine grundsätzliche Entscheidung der Gesellschafter.
Ist es richtig, dass es zwei Wohnungsbaugesellschaften gibt?
Schmidt Ja, das ist ja schon ein Fortschritt. Früher hatte ja praktisch jeder Vorort seine eigene. Vielleicht ist die Grunderwerbssteuer ein Hindernis. Dies zu prüfen, ist aber nicht ehrenrührig. Wenn wir auf Dauer eine Stadtentwicklung aus einem Guss – siehe Masterplan – wollen, dann ist eine einheitliche Wohnungsbaupolitik sicher vorteilhaft.
Was ist mit dem Zusammenführen von Entwicklungsgesellschaft, Wirtschaftsförderungsgesellschaft und Marketinggesellschaft?
Schmidt Das ist sinnvoll und ja auch auf einem guten Wege. Die Voraussetzungen sind bestens. Unsere Wirtschaftsförderung ist um Längen effektiver als die manch anderer Städte. Ob es steuerrechtlich wirklich schwierig ist, die MGMG gesellschaftsrechtlich mit zu integrieren, muss man prüfen.
Braucht Mönchengladbach einen Flughafen?
Schmidt Unbedingt. Natürlich keinen Großflughafen, aber einen Airport für Geschäftsflieger –mit Startbahnverlängerung.
Wie viel vom Konjunkturpaket II von Bund und Land ist denn schon jetzt bei der heimischen Wirtschaft angekommen?
Schmidt Viel zu wenig. Die Wirkung verpufft, wenn der Großteil der Bauten erst kommendes Jahr umgesetzt wird.
Sollten die Aufträge Ihrer Meinung nach in erster Linie an heimische Unternehmer gehen?
Schmidt Ja. Leider verstehen sich andere Städte besser als Mönchengladbach darauf, dafür Sorge zu tragen.
Stimmt die Verkehrsinfrastruktur?
Schmidt Wir haben ein hervorragendes Autobahnnetz. Aber es hat seine Grenzen erreicht. Sowohl die A 52 als auch die A 61 sind in Stoßzeiten dicht. Beide müssen schnellstmöglich ausgebaut werden. Sonst verlieren wir unseren Standortvorteil für Logistikunternehmen.
Und die L 19?
Schmidt Ist eine Notlösung. Die Autobahn wäre mir lieber gewesen. Aber lieber eine Notlösung als gar keine Lösung.
Wie sehr muss die Wirtschaftsregion sich als gemeinsames Ganzes verstehen?
Schmidt Die Zusammenarbeit in der Standort Niederhein GmbH von Kleve über Mönchengladbach bis Neuss ist mittelfristig die einzige Chance. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei.
Und wie weit reicht diese Region?
Schmidt Bei großen Themen, etwa bei der Verkehrsinfrastruktur, brauchen wir das Rheinland. Die IHK-Rheinland-Initiative reicht von von Köln und Bonn über den gesamten Niederrhein bis nach Aachen. Selbst mit Duisburg, das eigentlich zum Ruhrgebiet gehört, gibt es Schnittmengen.
Gibt es dieses Bewusstsein des Miteinanders schon? Oder herrscht immer noch Kirchturmdenken vor?
Schmidt Es gibt bedenkliche Beispiele. Ich habe den Eindruck, dass es bei uns viel zu viele Wasserwerke gibt. Die damit verbundenen Wasserschutzzonen machen den Unternehmen schwer zu schaffen. Wobei sie genau genommen den Kommunen zu schaffen machen. Denn die Unternehmer sind flexibel. Die ziehen einfach weg.
Was ist Ihr wichtigstes Anliegen in der Zeit Ihrer Präsidentschaft?
Schmidt Mein Motto ist, die Region fit für den Aufschwung zu machen. Das ist nicht ein lockerer Spruch, das meine ich genau so. Dafür will ich die hervorragend aufgestellte IHK bei den Unternehmen noch stärker als Dienstleister verankern. Die IHK hat ihren Mitgliedern viel zu bieten.
Ihre eigene Gruppe hat an 85 Standorten 1850 Mitarbeiter. Wie sind Sie so stark gewachsen?
Schmidt Unsere Branche hat eine Konzentration erlebt. Wir haben marode Unternehmen übernommen und sie saniert – und zwar ohne Personalabbau. In den 90er-Jahren, als alle Richtung Osten geschaut haben, haben wir uns auf den Westen konzentriert.
Niederlassungen der Heinrich-Schmidt-Gruppe findet man nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Niedersachsen und bis nach Magdeburg. In welche Richtung wollen Sie weiter wachsen?
Schmidt Das ist prinzipiell überall vorstellbar, wo wir noch nicht sind und andocken können.
Ralf Jüngermann führte das Gespräch.
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