Ruckes: Hier ruckelts bis die Wände wackeln
VON JEAN-CHARLES FAYS - zuletzt aktualisiert: 10.04.2010Ruckes (RPO). Die Honschaft Ruckes ist seit dem Ausbau der L 31 eine Durchgangsstraße. Reiner Brenner ist mit seinem Fachwerkhaus am stärksten von Abgasen und Lärm betroffen. Wenn die Lkw an dem 200 Jahre alten Domizil vorbeirauschen, rieselt der Putz von der Decke.
Das denkmalgeschützte Haus ist besonders wichtig für den den dörflichen Charakter von Ruckes. Es fühlt sich an wie ein Erdbeben im Garten Eden. Während Rotkehlchen und Kohlmeisen unter der Frühlingssonne im Duett zwitschern, Gänse schnattern und Hühner gackern, bilden sich in der Cappuccino-Tasse Wogen wie auf hoher See.
Das grüne Holztor klappert bedrohlich. Dumpfe Motorengeräusche ersticken die lieblichen Klänge. Das Epizentrum des Bebens liegt nur wenige Meter entfernt. Im Minutentakt rauschen die Lastwagen an dem denkmalgeschützten Fachwerkhaus vorbei. "Das ganze Haus wackelt, wenn die Riesen hier vorbeidonnern", schimpft Reiner Brenner.
Auf nach Holt
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Er war vor elf Jahren Mitbegründer der Bürgerinitiative "Ortsumgehung Ruckes". Der 58-Jährige kämpft für sein Lebenswerk. In völlig marodem Zustand hat er das Fachwerkhaus vor 30 Jahren gekauft. Die Stützen waren angefault und es mussten neue Wände in altem Fachwerkstil eingezogen werden. "Da war es hier noch richtig ruhig", sagt er. Deshalb hat er 70 Prozent des Hauses in Eigenleistung wieder aufgebaut.
Trügerische Idylle
Zehntausende steckte der gelernte Schriftsetzer von seinem Gehalt als Fachkorrektor eines Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsunternehmens in den Erhalt des Hauses. Wegen seiner intensiven Pflege wurde das vor über 200 Jahren gebaute Fachwerkhaus vor 18 Jahren sogar unter Denkmalschutz gestellt.
Den Garten des ehemaligen Bauernhofs ließ er zum Biotop gedeihen. Er legte einen Teich an, pflanzte heimische Wildblumen wie den Wiesenstorchschnabel oder den Lerchensporn, gab der vom Aussterben bedrohten Hühnerrasse "Bergische Kräher" und den "Pommerschen Gänsen" in seinem 1000 Quadratmeter großen Garten ein Zuhause.
Mit der Heirat seiner Freundin schien er Ende der 80er Jahre in der idyllischen Honschaft Ruckes seinen Seelenfrieden gefunden zu haben. Doch der Schein trügte, denn etwa zur selben Zeit wurde die Landstraße 31 ausgebaut. Damit erweiterte sich die Honschaft Ruckes von der Landwehr – der alten Grenze von Rheydt zu Korschenbroich im Norden – entlang der L 31 über mehr als zwei Kilometer bis zur Zoppenbroicher Straße im Süden, wo auch das Industriegebiet liegt.
Zuvor hatte die Straße einen anderen Verlauf, war schmaler und dadurch weniger befahren. Mit dem Ausbau der L 31 wurde sie zur Durchfahrtsstraße für Schwertransporter ins Industriegebiet. Brenner erbost: "Seither fährt alles, was von Grevenbroich kommt, über Ruckes." Die Landstraße sei für viele Leute zur "reinsten Rennstrecke" geworden.
"Und seitdem die Lkw-Maut eingeführt wurde, sparen sich viele Lkws obendrein die Mautgebühr, indem sie von der A 52 am Kaarster Kreuz im Norden abfahren und 40 bis 50 Kilometer weiter im Süden auf die A 46 in Neuss-Holzheim wieder auffahren." Dabei würden sie an Brenners Haustür mit weit mehr als den zugelassenen 30 Stundenkilometern "vorbeidonnern" und den Naturliebhaber an den Rand des Wahnsinns treiben.
"Die Schwertransporte sind auch schuld daran, dass der Asphalt hier abgesackt ist", schimpft er und zeigt mit dem Zeigefinger auf die deutliche Vertiefung in der Straße. Seine Nachbarin Maria Riesch, die ein Garten vor dem gröbsten Straßenlärm schützt, sagt: "So schief wie die Straße da schon ist, denkt man von hier immer: Die Lkw kippen dem Brenner ins Haus rein!'" Brenner sagt dazu: "Hätte ich das vor 30 Jahren geahnt, hätte ich das Haus gar nicht erst gekauft."
Doch auch wenn er bereits mit dem Gedanken gespielt hat, verkaufen kann er sein Lebenswerk nicht. Damit würde er seinen Traum wegwerfen. Dafür hat er zuviel investiert. Allein den Gedanken, dass seine Bäume im Garten nach dem Verkauf gefällt werden könnten, ist für ihn unerträglich: "Etwas, was ich über Jahre wachsen gesehen habe, kann man nicht einfach ersetzen. So ein Baum hat für mich etwas Majestätisches."
Dafür nimmt er es auch in Kauf, dass er wöchentlich schwarzen Staub von den Fenstern wischen, jährlich die Fassade neu streichen und aktuell sogar Risse in den Lehmwänden neu verputzen muss. Schließlich denkt er dabei nicht nur an sich, sondern auch an die Honschaft: "Wenn man den dörflichen Charakter von Ruckes erhalten will, dann muss man auch dieses Haus erhalten."
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