Mönchengladbach: Jecke Lüüt in jecke Klamotte
VON INGE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 16.02.2010 - 17:12Mönchengladbach (RPO). Schicke Handtaschen in Schlangenlederoptik, wollige Knäuel und muntere Models zogen am Dienstag durch die Stadt. Heidi Klum und Karl Lagerfeld wurden gesehen, und kleine Engel zu Bengeln mit ungeahnten Wurfqualitäten. 350 000 Menschen waren begeistert. Und dazu schien auch noch die Sonne. Perfekt!
Da hatte der kleine Engel etwas ganz und gar falsch verstanden. Der himmlische Bote schleuderte seine jecken Popcorntütchen wie Geschosse ins närrische Fußvolk. Die derart Attackierten lachten sich kaputt über den Bengel und ließen den Vertreter der Pro Multis-Fußgruppe unbehelligt weiter ziehen.
Klamotte - auch weiße Engelsflügel - maake halt nicht immer Lüüt. Aber meistens halt doch. Das bewiesen die vielen munteren Fußgruppen, exakt 56 an der Zahl, die dem Veilchendienstagszug wie immer kunterbunte Farbtupfer verliehen. Und mächtig für Stimmung sorgten.
Die munteren Truppen kamen aus allen Teilen der Stadt. Gewandet als schicke Handtaschen in Lila oder Schlangenlederoptik, als Nadelkissen, Wollknäuel und Garnrollen, als Spinnrad mit ziemlich viel Wolle auf dem Kopf, als Horst Schlämmer aus Grevenbroich und Cindy aus Marzahn.
Auch vornehm schreitende Burgfräulein und edle Herren wurden gesichtet. Und natürlich Heidi Klum, die deutsche Modelmacherin, die sich mit Naomi und Barbara im Zug hoffieren ließ. Und Lagerfeld. Der berühmte Karl, der größte Modeschöpfer der Welt, er kam in großen Portionen daher im schwarzen Frack mit Einstecktüchlein, steifem Kragen, gigantischer Sonnenbrille und weißem Zopf. Lagerfeld eben.
Bernd Gothe war schon vor Beginn des Veilchendienstagszugs allerbester Laune. Verzückt schaute er in den knallblauen Himmel und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. „Für dieses Wetter sind selbstverständlich wir verantwortlich”, sagte der Boss des Mönchengladbacher Karnevalverbandes. Immerhin das muss man dem Mann lassen hatte er schon vor Tagen schneefallfreie 15 Grad und Sonne vorhergesagt. Na ja, 15 Grad waren es nicht, aber sage und schreibe 1,5 Grad. Plus versteht sich. Und keine einzige weiße Flocke fiel aus den fluffigen Schäfchenwolken, die am närrischen Himmel ihre Bahnen zogen.
Bernd Cöntges, ehemaliger Protokollchef des Oberbürgermeisters, schöpfte zur Beschreibung der freundlichen Witterung gar ein neues Wort: „herogenetisch”. Was er so erklärte: „Das ist ein Wetter, um Helden zu zeugen.”
Wahre Helden waren sie alle die 4000 Menschen aus fast 70 Gruppen und Gesellschaften, die im Zug mitmischten. Der war von der Spitze bis zum prunkvollen Gefährt mit Prinz Holger I und seiner Niersia Kirsten am Ende des bunten Reigens sechs Kilometer lang. Mehr als zwei Stunden passierte die fröhliche Narrenschar die 350 000 schunkelnden Jecken am Rande des Zugwegs, die begeistert feierten und schunkelten. 32 Musikkapellen, viele aus den Niederlanden und aus Belgien angereist, sorgten für Schwung und Rhythmus. Und viel Kamelle für glückliche Kinderaugen.
Ach ja, das Motto: Klamotte maake Lüüt. Das ließ der Phantasie jedes Karnevalisten grenzenlose Freiheit. Das nutzten beispielsweise die Jungs und Mädchen vom Jugendclubhaus Westenend, die zum ersten Mal am Veilchendienstagszug teilnahmen. Da gab es keine Kleiderordnung, jeder trug, was er wollte. Bunte Vielfalt das machte auch diese Gruppe zur Augenweide. Und Spaß den hatten sie auf jeden Fall.
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