Mönchengladbach: JHQ: Auswirkungen des Abzugs
VON CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 16.05.2008 - 10:10Mönchengladbach (RPO). 1954 zogen die Britischen Streitkräfte in das Hauptquartier: Es ist eine kleine Stadt mit Schulen, Geschäften und Freizeiteinrichtungen. Der Rückzug wird wohl bis 2014 dauern. Als Auswirkungen drohen Arbeitslosigkeit, Rückgang der Kaufkraft und eine riesige Militär-Brache.
Die „Joint Headquarters“ in Rheindahlen sind als britischer Militärkomplex 1952 bis 1954 gebaut worden. Das Gelände erstreckt sich über 420 Hektar. Das sind rund zwei Prozent der Gesamtfläche Mönchengladbachs. Auf dem Areal stehen 2000 Gebäude - von Wohnhäusern über vier Schulen, Einkaufsmärkte, Kino und Restaurants bis zu Militär-Gebäuden. Das JHQ gilt längst als geheimer 11. Stadtbezirk. Rund 6000 Menschen, Zivilisten, Soldaten und deren Angehörige leben dort, 212 davon sind auch in Gladbach gemeldet. Stationiert ist im JHQ unter anderem das Alliierte Schnelle Eingreifkorps (ARRC) der Nato mit Soldaten aus 17 Nationen. Sie werden unter anderem im Irak und Afghanistan eingesetzt. Ebenfalls in Rheindahlen sitzt das Britische Unterstützungskommando. Viele Einrichtungen des JHQ, darunter das Kino, der Supermarkt und die drei Kirchen, durften nur die Bewohner nutzen. Die Kindergärten, Grundschulen und die weiterführende Schule besuchten deutsche Kinder nur zu einem sehr geringen Teil. Doch auf den Sportstätten wurden auch Fußballspiele britischer und deutscher Schulen ausgetragen. Verzichten müssen die Gladbacher nach dem Rückzug künftig auf das Nato-Musikfest oder die Aufführungen des „Little Theatre“.
Die Zukunft des JHQ war in den vergangenen zwei Jahren ungewiss, jetzt steht der Zeitplan für den Abzug der Truppen und die Schließung weitgehend. Die Auswirkungen eines Abzugs auf Mönchengladbach sind schon lange bekannt und vielfältig. Wir klären die wichtigsten Fragen, die sich jetzt stellen.
Gestern bestätigte die Britische Regierung den Weggang der Soldaten aus Mönchengladbach und legte einen Zeitablauf vor. Der britische Verteidigungsminister Des Brown informierte Bundesverteidigungsminister Dr. Fanz Josef Jung darüber in einem Schreiben.
Im Sommer 2010 werden bereits fast 1000 Soldaten des Schnellen Eingreifkorps und seiner direkten Unterstützer das JHQ verlassen und nach England zurückkehren. Im Frühjahr 2009 wird entschieden, was mit den restlichen zwei britischen Einheiten geschieht. Einige der Soldaten sollen an anderen Stellen in Deutschland untergebracht werden (Herford), andere sollen zurück nach Großbritannien.
Der Prozess der Abzugs soll sich rund vier Jahre hinziehen. Voraussichtlich wird 2014 das JHQ ganz aufgegeben und geschlossen, sagte Pressesprecherin Helga Heine von den Britischen Streitkräften. Die Rückgabe des Gebietes an den Bund kann entweder nach und nach in Teilstücken erfolgen oder als gesamte Liegenschaft. „Wir richten uns danach, wie der Bund es möchte“, sagte Helga Heine.
Rund 900 zivile Angestellte sind vom Wegzug betroffen. Sie arbeiten als Handwerker, Busfahrer, Köche. Das schnelle Eingreifkorps, das als erstes abziehen wird, beschäftigt nur wenige Zivilpersonen. Bis voraussichtlich 2014 werden alle Arbeitsplätze abgebaut. „Die üblichen Kündigungsverfahren werden eingehalten“, sagt Sprecherin Heine. Es gibt zudem einen Sozialplan. Die Armee will Abfindungen zahlen und bei der Suche nach einer neuen Beschäftigung helfen.
„Es herrscht große Unsicherheit, viele sind deprimiert“, sagt Uwe Küsters vom Betriebsrat. Nach wie vor sei unklar, wann die ersten Kündigungen kommen. Sorgen bereiten den zivilen Angestellten auch Pläne, Teile der Aufgaben an private Unternehmen zu vergeben, so Küsters. Wütend seien viele Mitarbeiter, weil die Infomationen vom Militär nur spärlich ankommen. „Wir haben erst einen Tag vorher erfahren, dass die Personlaversammlung sein soll, bei der das Vorhaben bekannt gegeben wurde“, erklärt Küsters. Bei den Handwerkern sei der Termin gar nicht bekannt gewesen.
Wenn die Soldaten aus Rheindahlen abgezogen werden, verlieren die Geschäfte im Umkreis einen großen und beliebten Kundenstamm. Vor allem die Gastronome trifft es hart: Im nahe gelegenen griechischen Restaurant „Odysseus“ sind bis zu 80 Prozent der Kunden Briten, im „Fuchsbau“ im Hardter Wald 25 Prozent. Auch Autohändler Stephan Schroers bedauert den geplanten Abzug.
Da die Pläne für einen Rückzug seit längerem bekannt sind, hat Oberbürgermeister Norbert Bude vor Monaten eine Projektgruppe eingerichtet, sie sich mit den Auswirkungen beschäftigt. In einer Zukunftswerkstatt, die noch in diesem Jahr beginnen soll, werden alternative Nutzungsmöglichkeiten für das riesige Areal und seine Infrastruktur erarbeitet. Dafür sollen auch Experten außerhalb Mönchengladbachs befragt und eingebunden werden. Oliver Wittke, NRW-Minister für Bauen und Verkehr, hat bereits finanzielle und fachliche Hilfe zugesagt. Anfang des Jahres gab es bereits einen Workshop zum Thema im Ministerium.
Für die zivilen Beschäftigten, denen Arbeitslosigkeit droht, steht die Agentur für Arbeit schon in den Startlöchern. Sie kann aber erst aktiv werden, wenn der Arbeitgeber, die Britischen Streitkräfte, seine Abwicklung der Beschäftigungsverhältnisse beendet hat.
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