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Mönchengladbach: Kämpferin ohne Kopftuch

zuletzt aktualisiert: 04.06.2007

Mönchengladbach (RPO). Gülistan Yüksel, Vorsitzende des Integrationsrates, erzählt, wie es ihr als türkische Einwanderin erging und wie sie in Mönchengladbach Politikerin wurde. Sie sagt, was sie von Deutschen hält und redet über ihr Verhältnis zum Islam.

Sie sind als Vorsitzende des damaligen Ausländerbeirats in eine Männerdomäne eingebrochen: Können Sie sich noch erinnern, wie das war?

Yüksel Ja, das war völlig überraschend. Das habe ich meinem Mann zu verdanken. Er hat sich schon in der Türkei sozialdemokratisch engagiert. Als er nach Deutschland kam, hat er sich darüber gewundert, wie passiv die türkischen Landsleute hier in Deutschland sind. Als er von den Wahlen zum Ausländerbeirat las, schlug er vor, dass ich mich dort engagieren. Ich hatte ja schon Erfahrung in der Beratung von Migranten. Wir nahmen dann Kontakt auf zu den Gruppen, die für den Ausländerbeirat kandidierten. Aber ich wurde als Frau und darüber hinaus bei ihnen unbekannt nicht auf die Kandidatenliste gesetzt. Als ich erfuhr, dass ich auch alleine kandidieren kann. tat ich das unter dem Namen „Interkulturell Yüksel“.

Und Sie hatten sofort Erfolg.

Yüksel Ja, ich bekam Stimmen für drei Sitze. Aber ich war allein. Wenn ich das vorher gewusst hätte. . . Aber die Menschen kannten mich nun, überall, wo mein Plakat hing, wurde ich angesprochen. Das lag wohl auch an meinem Vater, der schon vorher aktiv war und ein Lebensmittelgeschäft hatte.

Der Ausländerbeirat ist jetzt ein Integrationsrat. Hat sich viel verändert?

Yüksel Im Ausländerbeirat haben nur die Vertreter der ausländischen Gruppen gesessen, im Integrationsrat sind ein Drittel Ratsmitglieder. Dadurch sollte der Austausch zwischen Ratsmitgliedern und Integrationsrat intensiviert und Integrationspolitik effektiver gestaltet werden. Die Arbeit gestaltet sich leider nicht immer einfach.

Warum?

Yüksel Ich bin auch Ratsfrau der SPD. Da wird vieles durcheinandergewirbelt, wobei ich persönlich hoffe, dass wir uns von jeglicher Parteipolitik und Machtkämpfen distanzieren, um gemeinsam an einer Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen für ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander zu bauen.

Gibt es eigentlich Schwierigkeiten zwischen Türken und Griechen, oder Türken und Kurden?

Yüksel Sicherlich gibt es hier und da Probleme. Aber in unserer Stadt nicht in einem sonderlichen Ausmaß, dass es nennenswert wäre. Wir sollten nicht zwischen Herkunft und Hautfarbe unterscheiden, sondern müssen immer den Menschen selbst vor Augen haben.

Haben Sie einen deutschen oder einen türkischen Pass?

Yüksel Ich habe beide.

Wann kamen Sie nach Deutschland?

Yüksel Im Mai 1970, da war ich acht Jahre alt. Wir zogen nach Rheydt-Mülfort an die Dorfstraße.

Wie war das damals für Sie, plötzlich in einem anderen Land zu leben?

Yüksel Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass in unserer Nachbarschaft eine Aral-Tankstelle war. Der Besitzer hatte vier Töchter. Wir waren damals auch vier Mädchen. Wir waren wie eine große Familie. Ich empfand die Zeit als sehr schön. Ein Viertel von dieser Freundlichkeit und Wärme hätte ich gerne in der heutigen Gesellschaft.

Wie sind Sie zu Hause erzogen worden?

Yüksel Nicht streng. Leider ist mein Vater früh gestorben. Es war ein Verkehrsunfall. Da waren wir acht Kinder plötzlich auf uns alleine gestellt. Ich, die Älteste, war 18 Jahre, die Jüngste vier. Mein Vater wollte, dass ich Apothekerin werde. Ich war damals auf der Höheren Handelsschule. Aber die musste ich dann abbrechen, weil ich so viel organisieren musste. Meine Mutter sprach nicht so gut deutsch. Das war eine schlimme Zeit. Ich bin dann später Apothekenhelferin geworden.

Leben Sie den Islam? Und wenn ja, wie?

Yüksel Ich lebe den Islam, indem ich an die Reinheit und das Gute im Menschen glaube. Ich gehe zwar nicht zum Beten in die Moschee, besuche sie aber regelmäßig zum Austausch mit den Menschen vor Ort. Wir versuchen die Traditionen des Islam im Einklang mit der Zeit und der Kultur zu bewahren. Dazu gehört zum Beispiel das Fasten im Ramadan.

Haben Sie irgendwann einmal daran gedacht, zurück in die Türkei zu gehen?

Yüksel Ich bin 1984 mit Sack und Pack und meiner ganzen Aussteuer in die Türkei gegangen, um zu heiraten. Mein Mann war als Ingenieur an der Universität beschäftigt. Er wollte nicht nach Deutschland. Also haben wir uns in Adana in der Türkei eine Wohnung eingerichtet. Aber nach einem halben Jahr fehlte mir etwas. Ich weiß nicht genau was, vielleicht meine Mutter und meine Geschwister. Meinem Mann fiel auf, dass ich immer stiller wurde. Eines Tages sagte er: Fahr’ doch ein paar Wochen zu deiner Familie nach Deutschland. Das habe ich gemacht. Dann merkte ich, dass ich schwanger war. Ich rief meinen Mann an und sagte: Ich möchte das Kind hier entbinden. Am 5. Mai sollte unser erstes Baby kommen, am 4. Mai reiste mein Mann morgens an, nachmittags kam unser Sohn zur Welt. Nach der Geburt bin ich zwischen Deutschland und der Türkei gependelt.

Quelle: RP

 
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