Serie: "Was macht eigentlich...?": Karl-Heinz Drygalsky: Immer noch ein Kraftpaket
VON O. E. SCHÜTZ - zuletzt aktualisiert: 05.11.2011Mönchengladbach (RP). Karl-Heinz Drygalsky war 25 Jahre für Borussia tätig: 20 als Konditionstrainer, fünf als Präsident. Dabei war der ehemalige Leichtathletik-Zehnkämpfer zunächst ein Antifußballer. Er hat an den großen Erfolgen der Gladbacher mitgewirkt, am Ende aber frustriert das Handtuch geworfen.
Karl-Heinz Drygalsky hätte sich ja manches träumen lassen, aber nicht ausgerechnet dieses Angebot. Helmut Bantz, Turn-Olympiasieger von 1956, spielte den Übermittler. Er fragte im Frühsommer 1972 den jungen Dozenten-Kollegen bei den Leichtathleten an der Kölner Sporthochschule, ob er Interesse an einem Nebenjob als Konditionstrainer in der Fußball-Bundesliga habe. "Was, ja, wo denn?", antwortete der 35-Jährige überrascht. "Bei Borussia Mönchengladbach, bei Hennes Weisweiler", sagte Bantz. "Bei dem?", entgegnete Drygalsky fassungslos. "Mit dem hatte ich doch als Student heftige Diskussionen, weil ich bei ihm als Antifußballer aufgefallen war."
Aber eben nicht nur als Antifußballer. Weisweiler, Fußballlehrer-Ausbilder in Köln und Schöpfer der weltweit bekannten Fohlenelf, war jedenfalls bei der Suche nach einem neuen Assistenten auf den hünenhaften Ex-Zehnkämpfer (zweimal Deutscher Mannschaftsmeister mit dem ASV Berlin) gestoßen. Weisweiler wollte keinen Fußballer mehr als Assistenten, nachdem Erich Ribbeck und Rudi Schlott als Cheftrainer zu Rot-Weiß Essen bzw. zum 1. FC Köln gewechselt waren. Und Weisweiler nahm den "Antifußballer" nach wenigen Schnupperbegegnungen, obwohl Drygalsky sich auserbat, nicht bei jedem Heimspiel dabei sein zu müssen. Am Ende wollte er ihn 1975 sogar bei seinem Wechsel zum FC Barcelona mitnehmen.
Karl-Heinz Drygalsky
Geboren 5. September. 1937 in Berlin, dort aufgewachsen
Sportler Eishockey, Rudern, Leichtathletik (deutscher Mannschaftsmeister Zehnkampf 1958 und 60 mit ASV Berlin)
Ausbildung und Beruf Chemotechniker, Diplom-Sportlehrer, Dozent an der Sporthochschule Köln 1969 bis 2001, Konditionstrainer bei Borussia 1972 bis 92
Präsident 27. 8. 1992 bis 4. 10. 97
Erfolge mit Borussia Deutscher Meister 1975, 76, 77, DFB-Pokalsiege 1973 und 95, Uefa-Cup-Siege 1975 und 79
Seine Cheftrainer Als Assistent: Hennes Weisweiler (1972 bis 75), Udo Lattek (75 bis 79), Jupp Heynckes (79 bis 87), Wolf Werner (87 bis 89), Gerd vom Bruch (89 bis 91), Jürgen Gelsdorf (91 bis 92). Als Präsident Gelsdorf (28. 8. bis 6. 11. 92), Bernd Krauss (6. 11. 92 bis 7. 12. 96), Hannes Bongartz (ab 97)
Dozent an der Sporthochschule ist "Driggi" der ehemalige Eishockeyspieler, Ruderer und Leichtathlet, bis 2001 geblieben. Sein Spezialgebiet: Krafttraining. Doch Fußball hat das von den Spielern anfangs etwas belächelte 1,93-Meter-Kraftpaket dann ebenfalls gelernt: "Heute verstehe ich das Spiel genau so gut wie mancher Trainer."
So lange wie er war kein anderer Übungsleiter bei Borussia: 20 Jahre als Konditionstrainer, nach Weisweiler u. a. bei Udo Lattek und Jupp Heynckes. Und dann ab 1992 als Präsident nach einem "Putsch" der Mitglieder gegen die Clubführung unter Dr. Helmut Beyer, der 30 Jahre an der Spitze gestanden hatte,
Drygalsky blieb fünf Jahre "Chef", bis er am 4. September 1997 das Handtuch warf. Frustriert nach dem "Absturz" (so wurde das damals gesehen) der Mannschaft vom DFB-Pokalsieg 1995 sowie den Bundesliga-Plätzen fünf und vier 1995 und 96 auf den zwölften Tabellenrang. Genervt von den Differenzen mit Manager Rolf Rüssmann, den er gleich nach seinem Amtsantritt 1992 zurückgeholt hat, mit dem er am Ende aber überkreuz war. Am schlimmsten getroffen haben ihn jedoch die massiven Anfeindungen der Fans, die ihm den Rauswurf des beliebten Pokalsieg-Trainers Bernd Krauss im Dezember 1996 nicht verzeihen wollten. "Dabei hatten wir das alle gemeinsam beschlossen. Doch die Morddrohungen kamen nur gegen mich und meine Familie. Das Maß war voll, das musste ich uns nicht länger antun", sagt Drygalsky, der als Sportler nie aufgeben wollte und auch den Kampf gegen den Prostatakrebs gewonnen hat – um sich danach als Mut machendes Beispiel für Andere zu outen.
In den Wohnräumen in Kleinenbroich hängt kein Foto, keine Trophäe Borussias. "Aber auch nichts aus meiner Zeit als Leichtathlet", sagt Drygalsky. Die Bilder, Bänder, CDs und Akten füllen stattdessen seinen Keller. "Manchmal bin ich schon ein bisschen stolz, dass ich so manchem später prominenten Journalisten den Weg gezeigt habe, auch wenn er die Türe selbst öffnen musste", sagt er. Stolz ist er auch, dass viele ehemalige Schützlinge erfolgreiche Trainer geworden sind: Jupp Heynckes, Berti Vogts, Rainer Bonhof, Ewald Lienen, Armin Veh, Winfried Schäfer, Allan Simonsen oder Dieter Hecking etwa.
Driggis Herz hängt weiter an Borussia, auch wenn er der heutigen Führung "distanziert, aber mit gegenseitigen Respekt" begegnet. Im Gegensatz zu seinem Start 1972 will er möglichst wenige Heimspiele verpassen. Er hat gelitten, als es in den vergangenen Jahren bergab ging, er hat auch zweimal mit der "Initiative Borussia" gesprochen, die den Umsturz plante und ihn anwerben wollte – vergebens. Er hat sich sogar mit Stefan Effenberg getroffen, dem er einst als Spieler angedroht hat, ihn "ungespitzt in den Boden" zu hauen. "Doch ich habe nie zur Initiative gehört. Mit Effenberg als Sportdirektor wäre es auch ein Unding gewesen", betont er. "Und dann kam ja Lucien Favre, ein Glücksfall für den Verein." Der Abstieg wurde mit dem neuen Trainer doch noch abgewendet, die Initiative ist kläglich gescheitert. "Sie hat sich so weit aus dem Fenster gelehnt, von Norbert Kox bis Effe, und macht sich dann so einfach aus dem Staub, ohne sich zu stellen", sagt Drygalsky missbilligend.
Vorbild ist für ihn nach wie vor Helmut Grashoff, den er 18 Jahre als "Vize" und "Manager" erlebte: "Er hat fast im Alleingang gearbeitet. Was aus Borussia geworden ist, verdankt sie zu einem großen Teil ihm." Und welche Trainer haben ihn am meisten beeindruckt? "Hennes Weisweiler war der Impulsivste, konnte die Bewegungen im Fußball außerordentlich früh erkennen. Bei Jupp Heynckes bedaure ich nur, dass er zuletzt bei Borussia sein Werk nicht zu Ende führen konnte. Was er vermag, das hat man bei Real Madrid und in Bilbao, in Leverkusen und nun wieder beim FC Bayern gesehen."
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