Mönchengladbach: Kleingärtner wichen Polizisten
VON SEMIHA ÜNLÜ - zuletzt aktualisiert: 23.06.2010 - 15:39Mönchengladbach (RPO). Wo Kleingärtner früher Kartoffeln und Gemüse anbauten, stehen inzwischen Polizeipräsidium und Hochschule. Vor 75 Jahren gab es auch die Theodor-Heuss-Straße nicht: Spaziergänger liefen über Trampelpfade.
Wer in den 20er und 30er Jahren zwischen Webschulstraße und Breite Straße entlang spazierte, hörte Kinder in den Gärten spielen, sah sie auf Bäume klettern und auch schon mal Äpfel stehlen. Pferde wieherten und Hühner gackerten. Kleingärtner pflanzten ihre Kartoffeln und Kohlgemüse an, die später auf dem Küchentisch landeten.
Von 1924 bis Mitte der 30er Jahre gab es gut 400 Kleingärten und Grabeland auf dem Gelände, wo heute das Polizeipräsidium, die Hochschule und auch Wohnhäuser stehen. Erst machten die grünen Oasen des Kleingärtnervereins Hermges Platz für den Bau der Polizeikaserne, dann wichen die letzten Gärten und Lauben für Hochschule, Wohnhäuser und Geschäfte.
Heinz-Josef Claßen (66), Chef der Gladbacher Kleingärtner, erinnert sich gerne an seine Kindheit zurück, die er Mitte der 50er Jahre in den damals noch übrig gebliebenen Gärten rund um die Webschulstraße verbrachte. „Für uns war das Gelände rings um die Polizeikaserne mit ihren Hundertschaften, die zwischen 1934 und 1939 gebaut wurde, vor allem ein grüner Spielplatz und ein toller Platz, um Fußball zu spielen.“
Und die Theodor-Heuss-Straße, erklärt er, gab es nicht. Stattdessen nur schwer zugängliche Trampelpfade. „Die Südstraße und die Dessauerstraße waren damals die Hauptverkehrsstraßen.“
Auch Margit Riel, 69 Jahre, weiß, wie es rings um die Theodor-Heuss-Straße zwischen Webschul- und Breitestraße früher aussah. Zwischen 1955 und 1985 lebte sie mit ihrer Familie an der Richard-Wagner-Straße. „Wenn wir aus dem Fenster blickten, guckten wir ins direkt Grüne. Das war so herrlich ruhig und einmalig entspannend. Man hörte nur Kinder spielen oder Hühner gackern.“
Dass die Kleingärten für die großen Bauprojekte weichen mussten, findet sie noch immer schade. „Dass kann sich heute niemand mehr so vorstellen, aber damals hatten wir in Stadtmitte diese tolle Grünanlage. Zu Fuß spazierten wir von den Gärten bis nach Rheydt zum Markt. Das waren nur zehn Minuten“
Mit dem Beginn der Bauarbeiten für die Kaserne 1934 fing die Verlegung der Kleingärten an. Sie wurden an die Konradstraße verlegt. Die Pächter erhielten zwar von der Stadt eine Entschädigung und eine Ersatzleistung für das, was sie bereits angepflanzt hatten. Dennoch hofft Claßen, dass die Mönchengladbacher Kleingärtner nie wieder eine ihrer Anlagen für ein städtisches Bauprojekt räumen müssen.
50 Kleingärtnervereine mit 2750 Gärten gibt es in der Stadt. 36 Vereine haben ihre Anlagen im Zentrum von Mönchengladbach oder Rheydt - Flächen, die für Bauprojekte der Stadt langfristig interessant sein könnten.
„Inzwischen sind wir durch das Bundeskleingartengesetz besser geschützt als noch in den 30er Jahren“, betont Claßen. „Aber Gesetze könnten irgendwann auch zu anderem Nachteil geändert werden.“
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