Mönchengladbach: Lederfabrik wird zum Kunstwerk
VON JEAN-CHARLES FAYS - zuletzt aktualisiert: 17.05.2010 - 13:43Mönchengladbach (RPO). Früher wurden in der Wickrather Lederfabrik Spier zentimeterdicke Rindshäute enthaart und getrocknet, die direkt vom Schlachter kamen. Heute tummeln sich hier die Polit-Stars. Gerhard Schröder kämpfte im Kunstwerk um die Kanzlerschaft und Jürgen Rüttgers um die Macht in NRW.
Die Fassade ist erhalten geblieben. Der bestialische Gestank der Lederfabrik ist gewichen. Wo von 1855 bis 1990 zentimeterdicke Rindshäute enthaart, gegerbt und getrocknet wurden, tummeln sich heute die Stars. Seit der Eröffnung des Kunstwerks im September 2001 gaben sich unzählige Promis ein Stelldichein. Angefangen von Comedy-Größen wie Helge Schneider, Atze Schröder und Mario Barth über Friedens-Nobelpreisträger Shimon Peres bis hin zu NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Gerhard Schröder.
Als der Bundeskanzler hier am 24. August 2005 zur "Wahlarena" für eine Fernseh-Fragestunde Hof hielt, erklärte der WDR-Aufnahmeleiter, weshalb die frühere Fabrikhalle den Senderverantwortlichen als Ort bestens passt: "Moderne Technik im historischen Industrie-Ambiente."
Ins Schwärmen geriet auch die WDR-Pressesprecherin, Annette Metzinger, als sie bei der TV-Debatte der fünf NRW-Spitzenkandidaten am 28. April die Vorzüge der Wickrather Halle pries: "Das ist eine einzigartige Location. Die alten Backsteinwände und die Holzdecke kreieren eine wunderschöne warme Atmosphäre." Eine Woche lang belagerten die großen Übertragungswagen die Fläche vor der Veranstaltungshalle. Das Kunstwerk wurde zur Wahlarena. Wie in einer Zirkusmanege umringten Rüttgers, Kraft, Pinkwart, Löhrmann und Zimmermann 160 Gäste. 37 Journalisten aus ganz Deutschland nutzten die Räume der Geschäftsführer Andreas Baum und Tobias Stenzel gegenüber der Halle als Presselounge. Draußen suchten die Sprengstoffhunde der Polizei jeden Winkel ab. Ein Hauch von Hollywood am Wickrather Film-Set. Glamour lag in der Luft, die zuvor 135 Jahre nach dem Männerschweiß hart arbeitender Gerber gerochen hatte.
An solch einen Strukturwandel hätte selbst Zacharias Spier, der aus einer kleinen Gerberei bis zu seinem Ableben 1901 eine der größten Lederfabriken Deutschlands gemacht hatte, wohl nicht geglaubt. Allerdings scheint dieser Ort große Unternehmer magisch anzuziehen. Schließlich hatte auch der Gerbergeselle Spier aus der kleinen Roßleder-Gerberei, die er als 19-Jähriger übernahm, in nur 34 Jahren ein börsennotiertes Großunternehmen gemacht. Damals firmierte es unter "Niederrheinische Actiengesellschaft für Lederfabrikation". Bis 1889 hatte er mit der Fabrik ein Vermögen von 1,4 Millionen Mark angehäuft. Darunter der 26 000 Quadratmeter umfassende Grundbesitz, der allein einen Wert von einer halben Million Mark hatte. Zu Beginn hatte er mit nur einem Mitarbeiter Roßhäute gegerbt. Drei Jahrzehnte später beschäftigte er Hunderte und belieferte mit seiner Lederfabrik nicht nur ganz Deutschland, sondern auch Belgien, Holland, Italien, Österreich, Griechenland und die Türkei.
Über 100 Jahre später hatte auch Andreas Baum das große Potenzial dieser Fabrik erkannt. 1990 war die Wickrather Lederfabrik Konkurs gegangen und das Gelände lag zehn Jahre brach. Doch trotzdem pachtete es Baum noch, bevor ein Investor es aufkaufte. Wie sich später herausstellte: ein Glücksgriff.
Nach wenigen Jahren gewann er den zahlungskräftigen WDR als Kunden. Der bevorzugte das Kunstwerk wegen der gelungenen Verbindung von altertümlicher Industrie in der Außenfassade und moderner Technik im Interieur sogar gegenüber der Kaiser-Friedrich-Halle. Der seit Januar diesen Jahres neu eingestiegene Geschäftsführer Tobias Stenzel verdeutlicht, warum: "Innen haben wir die modernste und beste Präsentationstechnik Deutschlands und außen haben wir das unschlagbare Ambiente der Lederfabrik Spier." Diese Verbindung ist das eigentliche Kunstwerk.
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