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Mönchengladbach: Mehr Menschen auf Abteiberg holen

zuletzt aktualisiert: 13.02.2012

Mönchengladbach (RP). Redaktionsgespräch mit Susanne Titz, Leiterin des Museums Abteiberg, über das Programm für dieses Jahr, die Neuanschaffungen des Museums und die Bedeutung, die Kunst heute hat. Sie sagt auch, warum sie so gerne im Museum Abteiberg arbeitet.

Museumsleiterin Susanne Titz hofft auf den zweiten Bauabschnitt des Museums Abteiberg. Sie fordert, dass auf dem Abteiberg mehr geschieht – etwa wenn es einen Bücherei-Neubau oder ein Hotel geben sollte.  Foto:  Ilgner
Museumsleiterin Susanne Titz hofft auf den zweiten Bauabschnitt des Museums Abteiberg. Sie fordert, dass auf dem Abteiberg mehr geschieht – etwa wenn es einen Bücherei-Neubau oder ein Hotel geben sollte. Foto: Ilgner

Frau Titz, als das Museum vor 30 Jahren eröffnet wurde, war es sozusagen das erste Architekten-Museum. Es löste den Bilbao-Boom von Architektur-Museen aus. Merken Sie auch heute noch viel von dem Ruhm dieses Gebäudes?

Titz Ja, auf jeden Fall. Der Bekanntheitsgrad ist nach wie vor groß. Zurzeit wird es zudem wiederentdeckt. Es ist tatsächlich in den ersten fulminanten Jahren überall verbreitet worden, dann folgte die Saison der anderen Museen. Ich merke aber jetzt, dass es uns sehr gut tut, in einem bestimmten Alter zu sein. Junge Künstler zum Beispiel, die nach Mönchengladbach kommen, verstehen den Bau ohne Erklärung, sie verstehen seine Metaphern. Es ist wirklich bemerkenswert, wie sprechend das Gebäude auch heute noch ist.

Info

Susanne Titz

Herkunft Am 25. Dezember 1964 in Stolberg bei Aachen geboren.

Studium Kunstgeschichte, Geschichte, Sprach- und Literaturwissenschaften in Köln, Hamburg und Bonn. Magisterexamen 1991.

Karriere Vorträge und Publikationen; ab 1997 Leiterin des Neuen Aachener Kunstvereins.

Museumsleiterin seit Oktober 2004, gleichzeitig Fachbereichsleiterin Museen in Mönchengladbach.

Glauben Sie eigentlich noch an den zweiten Bauabschnitt?

Titz Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist sehr schade, aber es wäre ein absoluter Glücksfall, wenn der Bau noch realisiert werden könnte.

Die Stadt kann sich den Bau nicht leisten...

Titz Es würde wohl nur mit privaten Spenden funktionieren. Das ist richtig. Aber entscheidend ist momentan, dass man sich städtebaulich überhaupt mit dem Abteiberg befasst. Ich setze da auch Hoffnungen in den Masterplan. Als das Museum stand, hat man aufgehört, an den Abteiberg zu denken. Man hat, wie ich es immer nenne, Anschlussgeschäfte verpasst. Die Menschen fahren in die Tiefgarage, gehen ins Museum und fahren dann wieder fort. Das muss sich ändern.

Das Objekt "Steam" von Robert Morris auf der Wiese soll in den Besitz der Sammlung übergehen. Heißt das, dass Sie mit einer Realisierung des zweiten Bauabschnitts auch langfristig nicht mehr rechnen?

Titz Das Werk stammt ja von 1967 und ist immer wieder neu aufgeführt worden. Wir besitzen das Werk jetzt als Neuerwerbung in unserer Sammlung. Unter bestimmten vom Künstler vorgegebenen Bedingungen können wir es auch anderswo aufstellen. Wir entscheiden sogar, wo auch immer in der Welt dieses Werk umgesetzt werden darf. Das ist unser Versprechen an Robert Morris.

Können Sie sich mit den Nutzungen, die momentan für den Abteiberg im Gespräch sind, anfreunden? Zum Beispiel mit dem Neubau der Stadtbibliothek im näheren Umfeld oder mit dem Bau eines Design-Hotels?

Titz Man muss natürlich zuerst schauen, wie sich solche Bauten städtebaulich darstellen würden. Aber was auch immer dort geschehen mag, wichtig ist, dass etwas geschieht.

Sie haben sich für 2012 ein großes Programm vorgenommen. Welche Highlights haben die Kunstfreunde zu erwarten?

Titz Wir haben herausragende Neuerwerbungen gemacht. Ein Museum ist nur dann gut und zukunftsträchtig, wenn es sammelt. Einige der Neuerwerbungen werden im Laufe der nächsten Monate zu sehen sein. Wir werden eine große Zeichnungsausstellung mit Monica Bonvicini haben. Anschließend präsentieren wir R. H. Quaytman. Im Jahr 2001 begann die amerikanische Künstlerin, ihr Werk in Kapiteln anzulegen. Jeder Ort ist ein Kapitel. Wir, das Museum in Mönchengladbach, sind das Kapitel 24, ein großes Renommé, denn letztes Jahr ist Quaytman durch die Biennale Venedig schlagartig berühmt geworden. Am 23. Juni, exakt am 30. Geburtstag des Museums, findet dann die große Geburtstagsparty im Skulpturengarten und die Eröffnung eines Sommerprojekts für die Wiederentdeckung dieses tollen Kunstgartens statt. Im Herbst folgt eine Ausstellung, die unsere Stipendiatin der Robert-Bosch-Stiftung, die Warschauer Kunsthistorikerin und Kuratorin Agnieszka Skolimowska realisiert. Unter dem Titel "Expressionistisches II" werden wir ab dem 4. November zum zweiten Mal lange Zeit ungesehene grafische Werke aus dem Bestand zeigen. Den Abschluss des Jahres bildet eine große Museumsretrospektive von Cezary Bodzianowski.

Auf zwei Sachen wird man auch im Ausland regelmäßig angesprochen, wenn man sich als Mönchengladbacher outet: auf Borussia und das Museum. Sind die Gladbacher eigentlich stolz genug auf ihr Museum?

Titz Einige ja. Einige sind sehr stolz. Die anderen sollten es noch werden (lacht).

Und wie schafft man das?

Titz Ich glaube, dass der erste Sonntag im Monat, an dem die Besucher ja traditionell keinen Eintritt zahlen, ganz wichtig für uns ist. Dadurch ist der Abteiberg einmal im Monat ein Ereignis. Regelmäßig ist das Museum an diesem Sonntag brechend voll.

Wo liegt eigentlich der Altersdurchschnitt Ihrer Besucher?

Titz Wir sind intensiv damit beschäftigt, insbesondere die Generation der 20- und 30-Jährigen und die jungen Familien wieder für die Kunst und das Museum zu begeistern. Tragisch ist, dass es für ihre Eltern ganz selbstverständlich war, Mitglied im Museumsverein zu sein. Es kostet ja auch nur 36 Euro im Jahr und man zahlt das ganze Jahr über keinen Eintritt. Früher gehörte es zum Wochenende, am Sonntag ins Museum zu gehen. Die Kinder folgen dieser Tradition nicht nach. Es hat sich etwas geändert. Die Gründe dafür sind wohl vielfältig. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen heute beruflich und privat stärker eingespannt sind. Auch die Rolle von Kunst mag sich verändert haben.

Inwiefern?

Titz Damals waren Museen Orte, wo die gesellschaftliche Veränderung sich vorzeichnete. Museen waren Orte, wo sich plötzlich was ganz Freies zeigte, wo die Welt zu Gast war.

Kann Kunst heutzutage nicht mehr schockieren?

Titz Zumindest nicht mehr so wie damals. Die Kunst hat eine gewisse Rolle verloren. Andererseits darf man nicht vergessen, dass sie noch nie ein so großes Publikum hatte wie heute. Die Besucherzahlen damals waren sehr gering. Zum Beispiel haben wir an die 300 Schulklassen, die uns im Jahr besuchen.

Planen Sie, Ihr Engagement im Schulbereich zu verstärken?

Titz Es gibt in Mönchengladbach das Projekt "Kultur und Schule", bei dem Künstler in die Schulen gehen. Das ergibt eine tolle Basis. Der Kontakt zu den Schülern hängt immer sehr stark vom Engagement der Lehrer ab. Untersuchungen haben gezeigt, dass es ganz wichtig ist, dass die Schüler ins Museum kommen – nicht wir in die Schule. Es geht um die originalen Objekte, aber auch darum, dass dieser Ort Museum den Kindern bewusst wird. Sie müssen merken, dass es da etwas gibt, das jenseits ihrer Realität, ihrer jugendlichen Umgebung ist und ihren Horizont erweitert. Das Museum muss ihre Neugier wecken. Dafür müssen wir die Kids ins Museum holen und ihre Schwellenangst überwinden.

Ihr Vertrag ist um acht Jahre verlängert worden. Welche Gedanken haben Sie sich gemacht, als die Entscheidung anstand?

Titz Museumsarbeit ist eine sehr langfristige Arbeit. Ich habe das Glück, in einem Museum arbeiten zu können, das außergewöhnlich ist, über eine so herausragende Sammlung verfügt und eine solche Geschichte hat. In kaum einem anderen Museum erlebt man die Entwicklung und die Veränderung von Gegenwartskunst so intensiv wie in diesem Haus. Das passt perfekt zu dem, was mich schon im Studium sehr beschäftigt hat. Es gibt wenige Orte, wo man ständig neu etwas zur Diskussion stellen, etwas Neues probieren und derart unmittelbar mit Künstlern zusammenarbeiten kann. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Das   Interview führten Fabian Eickstädt, Ralf Jüngermann und Dirk Richerdt

Quelle: RP


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