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Mönchengladbach: Mit Roche und Hihi durchs Feuchtgebiet

VON HOLGER HINTZEN - zuletzt aktualisiert: 16.05.2008

Mönchengladbach (RPO). Hämorrhoiden, Selbstbefriedigung und viele Körperflüssigkeiten – an einem kleinen Tisch in einem Kinosaal trug Charlotte Roche 400 Zuhörern aus ihrem Bestseller „Feuchtgebiete“ vor. Empören mochte sich über die einstige TV-Moderatorin und Ex-Mönchengladbacherin niemand. Böses Mädchen oder nur professionelle Show? Man durfte grübeln.

Es ist wohl ein schweres Missverständnis, das einen älteren Herren die ersten Fragen des Abends stellen lässt. Ob sie die Analfissur-Operation aus ihrem Roman selbst erlebt habe, will der Mann wissen, als Charlotte Roche ihren Debüt-Roman „Feuchtgebiete“ zugeklappt hat. Nach einer Stunde Vorlesen vor 400 Zuhörern im großen Saal des Comet-Cine-Centers dürfen die Menschen die Autorin des leicht skandalumwitterten Werkes nun mal so richtig ausfragen. Ruhig kein Blatt vor den Mund nehmen, hat die ehemalige Viva-Moderatorin und einstige Mönchengladbacherin geraten: „Von der Bühne herunter habe ich noch nie jemanden was getan.“

Der ältere Herr hat sich darauf offenbar verlassen. Das Publikum indes denkt nicht daran, den Frager zu schonen. 400 Menschen, meist halb so alt wie der Herr, kichern und prusten hemmungslos, als er berichtet: „Ich habe selbst diese Operation erlebt und kenne, was sie da beschreiben.“ Eine ernsthafte Diskussion über hämorrhoidale Beschwerden vor einem Bier nippenden und Popcorn kauendem Publikum der Alterskohorte 20 bis 30 – das kann nicht gut gehen.

Der darmkundlichen Fortbildung wegen ist schließlich keiner hierher gekommen. Es hat handfestere Gründe, dass die von Sven Rabanus und seiner Buchhandlung Weda organisierte Lesung die am besten besuchte seiner Veranstaltungsreihe mit Autoren ist. Ein Roman über Analfissuren, extreme Masturbationstechniken und sämtliche verfügbare Körperflüssigkeiten – das riecht verdächtig nach ein bisschen Tabubruch, vielen Schenkelklopfer-Sauereien und Extrem-Humor. Die Freak-Show aus dem Nachmittagsprogramm der Privatsender, nur diesmal als Literatur verkleidet und noch viel, viel härter.

So gab es denn auch kein Magazin und kein Feuilleton, das sich Roches Erstling in den vergangenen Wochen nicht gewidmet hätte. Aus feministischer Sicht wurde da beleuchtet, aus sexualkundlicher, aus medienkritischer oder auch einfach nur aus angeekelter. Es ist schließlich nicht jedermanns Kost, Helen, der Heldin in Roches Debüt, dabei zu folgen, wie sie versiffte Klobrillen in öffentlichen WCs lustvoll abwischt – mit ihrem eigenen Feuchtgebiet. Andererseits: Da sich das Werk der 30-Jährigen verkauft wie geschnitten Brot, ist es wohl doch vieler Leute Kost.

Die hat Roche an diesem Abend in einem bunt gestreiften Kleid aufgetischt. Mit einem neckischen Winken ist eine auf den ersten Blick eher schüchtern wirkende junge Frau in einem gartenpartytauglichem Sommerkleid in den Saal getreten und hinter einem kleinen Tisch Platz genommen. Ein Tisch, auf dem eine Flasche Mineralwasser steht. Wer Roches Buch gelesen hatte, konnte ahnen: Das dürfte die klarste Flüssigkeit sein, die an diesem Abend an diesem Tisch geboten wird.

Begrüßt hat Roche ihr Publikum mit: „Hallo Mönchengladbach.“ Und dann hat sie hinzugefügt: „Das sage ich nicht überall. Ich bin nämlich von hier.“ Nett. Für einen Abend mit einem angeblich schamlosen Mädchen aber wohl zu nett. Darum hat Roche auch noch gefragt: „Sind viele Leute im Saal, mit denen ich früher mal Sex hatte? Gut, dann wiederholen wir das gleich.“ Böses Mädchen oder gute Show?

Das ist auch nach gut einer Stunde Vorlesen schwer zu sagen. Beim Vorstellen ihrer Romanfigur Helen hat sich Roche auch schauspielerisch ein wenig ins Zeug gelegt. Das Publikum ist dankbar mitgegangen: „Kacke“ sagt Roche – „Haha“ gackert einer ganz laut im Auditorium. Helen wischt mit ihrem Körper Bakterien von Klobrillen auf – „waaaaaah“ ergötzt sich die Zielgruppe am Ekel. Wie zu besten Sandkastenzeiten: Pipi, Aa – hihihi.

In „Hihi“ geht auch der Diskussionsversuch des ersten Fragestellers unter. „Das hätten Sie wohl auch nicht gedacht, dass Sie mit einer Analfissur hier ganz groß rauskommen“, sagt Roche. Böse Show, böses Mädchen? Könnte sein. Aber dann fragt jemand, wie Roche auf das Thema gekommen sei. Und während die Skandalistin erzählt, welche Albträume und Zweifel an ihrem Köpergeruch ihr der Anblick von Intimsprays in Drogerieregalen bescheren können, sagt sie auch folgendes: „Ich bin gar nicht so locker beim Sex wie Helen. Ich habe mir damit quasi eine Freundin erfunden, die mich befreit.“

Die Eltern haben Leseverbot

Charlotte Roche, so ergeben weitere Fragen, ist sogar eine Frau, der harmlose Sexszenen im Tatort Beklemmungen verursachten, wenn sie gemeinsam mit den Eltern fernsah. Die ihre Eltern gebeten hat, ihr Buch niemals zu lesen. Und die auf die Frage, wann es denn ihre eigene kleine Tochter einmal lesen dürfe antwortet: „Niemals.“ Vielleicht doch: gutes Mädchen, böse Show?

Quelle: RP

 
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