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Mönchengladbach: Mönchengladbach erfindet sich neu

VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 30.12.2011

Mönchengladbach (RP). Nicht bei jedem Großprojekt rücken gleich Bagger an. Dank einer Initiative der Architektenschaft etwa darf sich die Stadt bald mit einem Masterplan schmücken. Stararchitekt Sir Nicholas Grimshaw entwirft diese Leitlinie für die künftige Stadtentwicklung. Und die Bürger helfen bereits kräftig mit.

Im November war Sir Nicholas Grimshaw erstmals in der Stadt.  Foto:  Raupold
Im November war Sir Nicholas Grimshaw erstmals in der Stadt. Foto: Raupold

Eine Klimazone teilen sich Gladbach und Singapur nicht wirklich. Trotzdem, findet Sebastian Laumen, dass die Vitusstadt sich von der grünen Architektur, die sich in Asien und insbesondere in dem Stadtstaat südlich von Malaysia immer mehr durchsetzt, einige Scheiben abschneiden könnte.

"Tatsache ist, dass Pflanzen eine Stadt lebenswerter machen und sich bei einer konsequenten Umsetzung durchaus Alleinstellungsmerkmale entwickeln können", schreibt er auf der Internetseite www.mg3-0.de, wo die Gladbacher ihre Ideen für die Gestaltung des Masterplans einbringen können.

Nutzerin Amaria schwärmt von der modernen Buchhandlung in der alten Maastrichter Dominikanerkirche und träumt von einer Lösung, die zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: "Wäre dies nicht eine innovative Lösung für die Nutzung der Citykirche und gleichzeitig ein neuer, guter Ort für die Stadtbibliothek?" Anja Schurtzmann wiederum schlägt vor, in Mönchengladbach statt normaler Zebrastreifen so genannte Eurostreifen zu verwenden, wo die weißen Balken um 90 Grad gegen die Fahrtrichtung von Autos gedreht werden – um "auch optisch den Fußgängern mehr Raum und Bedeutung beizumessen".

In der Dominikanerkirche in Maastricht sind heute eine Buchhandlung und ein Café angesiedelt. Könnte das auch in der Citykirche funktionieren? Foto: Raupold

Wie die Idee entstand

Dass die Bürger diese spannenden Anregungen – mehr als 70 sind es bisher gewesen, im Zentrum steht dabei oft das Thema Verkehr – überhaupt in den Ring werfen können, ist im Wesentlichen der Architektenschaft Mönchengladbach zu verdanken. Sie war es einst, die Bürger, Unternehmer und Vertreter der Stadt dazu einlud, die städtebauliche Situation Mönchengladbachs zu diskutieren. In diesen Gesprächen wurde deutlich: Eine Leitlinie ist nicht zu erkennen. Die Wunden der Nachkriegszeit sind nie verheilt, es fehlt das große Ganze, Zweckbauten, Industriebrachen und Verkehrsschneisen dominieren – und zerschneiden – das Stadtbild. In der Folgezeit entstand die Idee einer "dritten Gründung" – nach den Mönchen und der industriellen Revolution – und auch eine Vorstellung über den Weg, wie diese zustande kommen soll: über einen so genannten Masterplan nämlich.

Die Suche nach dem Planer

Und damit hatte das Kind einen Namen. Statt der üblichen Herangehensweise (Politik und Verwaltung) sollte jemand gefunden werden, der einen externen, unbeeinflussten und professionellen Blick auf die Stadt wirft und die Bürger bereits im Verlauf der Planung mit einbezieht. Für diese Suche (und ihre Finanzierung) gründete sich aus der Architekten- und der Unternehmerschaft heraus der Verein MG 3.0, die Industrie- und Handelskammer kletterte mit ins Boot, und nach einigen Querelen gelang auch der politische Durchbruch: Sobald der Masterplaner seine Arbeit beendet hat, soll diese mitnichten in der Schublade verschwinden, sondern die Politik die Ergebnisse als Zielrichtung für die zukünftige städtebauliche Entwicklung festsetzen. Gegen namhafte Konkurrenz wie Albert Speer junior und Vittorio Gregotti setzte sich schließlich das Team des britischen Stararchitekten und Stadtplaners Sir Nicholas Grimshaw durch. Das Alleinstellungsmerkmal der Londoner: Sie hatten Gladbach vor ihrer Bewerbung bereits mehrfach besucht, anstatt lediglich anhand von Papier auf Papier zu planen.

Das Kind lernt laufen

Dass Grimshaw zur Auftaktveranstaltung für den einjährigen Masterplan-Prozess Ende November in der Hochschule nicht mit einer Fülle von leeren Phrasen, sondern ersten konkreten Ideen anreiste, zeigte: Die Wahl, die der Verein MG 3.0 um seine Vorsitzenden Fritz Otten und Ernst Kreuder traf, war richtig. Bei der Veranstaltung lief noch nicht alles rund, doch für alle Beteiligten war deutlich zu sehen: Die nächsten Monate, gespickt mit Workshops und Diskussionsveranstaltungen, werden spannend. Und die Bürger beteiligten sich bereits rege. Dieser erste Eindruck vertieft sich nun, nachdem die Homepage des Masterplans einige Wochen online ist und die Menschen das Angebot, sich einzubringen, offenbar gerne annehmen – mit ganz kleinen Verbesserungsvorschlägen (ein schattenspendender Baum an der Neusser Straße 133), aber auch mit ganz großen (die Positionierung von Rheydt als Standort für gesunde Ernährung in Verbindung mit dem Hochschul-Fachbereich Oecotrophologie, Cable Cars auf der Hindenburgstraße, ein durchgängiges Radwegenetz).

Die Bürger beteiligen sich

"Es gibt sicher eine Vielzahl von Bedenkenträgern in dieser Stadt, die eine solche Lösung technisch und finanziell für nicht umsetzbar halten", schreibt Nutzerin Amaria auf MG 3.0 zu ihrer Idee, die Citykirche umzufunktionieren. "Aber Ihnen als Planungsteam traue ich die nötige Fantasie zu, diesen Gedanken wenigstens einmal durchzuspielen. Wie schreiben Sie so schön auf Ihrer Internetseite: ,Es gibt keine verrückte Idee, sondern nur Verrückte, die Ideen verrückt finden.'"

Quelle: RP


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