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Mönchengladbach: Nichts ist mehr so wie vorher

VON RALF JÜNGERMANN - zuletzt aktualisiert: 18.02.2010

Mönchengladbach (RPO). Ratsherr Bernd Püllen (51) überlebte als einziger den Amoklauf von Amern, am Freitag sagt er im Prozess gegen den Täter aus. Das macht den 18. August, an dem Püllens altes Leben endete, noch präsenter, als er ohnehin ist.

Beim Prozessauftakt hatte der Angeklagte geweint.  Foto: ddp
Beim Prozessauftakt hatte der Angeklagte geweint. Foto: ddp

"Eigentlich habe ich nichts", sagt Bernd Püllen und lacht auf. Klar, so kann man das sehen. Wer als einziger im Kugelhagel überlebt hat und ein halbes Jahr später nur Probleme mit dem Kiefer und der Halsmuskulatur hat, dem geht es gut. Eigentlich.

Die ersten politischen Sitzungen als Vertreter der FWG hat Püllen hinter sich, arbeitet auch wieder in Bruderschaft und Sportverein mit. Doch ist das eben nur ein Teil der Wahrheit. "Keiner kann sich vorstellen, was ich erlebt habe", sagt Bernd Püllen. "Keiner", wiederholt er und lacht jetzt nicht mehr.

Er kann es sich ja selbst immer noch nicht richtig vorstellen. Muss es sich, mit professioneller Hilfe, mühsam erarbeiten. "Das Erste, was ich verstehen musste: Jemand hat versucht mich umzubringen", sagt Püllen. Dass er überlebte, hat er unglaublichem Glück zu verdanken. Zwei Bauchschüsse verfehlten nur um Millimeter Organe, der Kieferschuss schrammte haarscharf an der Halsschlagader vorbei.

Info

Chronik

17. August 2009 ´Der Angeklagte reiste nach Schwalmtal – laut Anklage mit der Absicht, die Teilnehmer an dem Ortstermin zu töten.

18. August 2009 Kurz vor 16.30 Uhr eröffnete der Angeklagte das Feuer mit einer Pistole "Astra".

2. Februar 2010 Wegen Erkrankung des Angeklagten wird der Prozessauftakt verschoben.

Die zweite Lektion: Der Täter meinte nicht ihn, Bernd Püllen. Denn er kannte den Mönchengladbacher, der als Gutachter ein Haus in Schwalmtal-Amern einzuschätzen hatte, nicht einmal. Und noch etwas muss Püllen verarbeiten: "Ich habe gesehen, wie drei Menschen erschossen wurden." Einer davon war sein Kollege, den er seit vielen Jahren kannte.

Es sind viele kleine Schritte, die Püllen macht, um wieder Fuß zu fassen. Es ist nicht der Weg zurück in sein altes Leben. "Das ist vorbei. Ein neues Leben hat angefangen. Nichts ist mehr wie vorher. Das kann ich jede Sekunde spüren", sagt der 51-Jährige. In den ersten Wochen hat Püllen die Öffentlichkeit gemieden, wollte nicht angesprochen werden, auf das, was passiert war. Inzwischen hat er in seinem sozialen Umfeld wieder Fuß gefasst. Auch, weil alle Freunde und Bekannte gut reagiert hätten. Niemand habe ihn bestürmt. Viele hätten warme Anteilnahme gezeigt.

Doch es bleiben viele Schritte zu tun. Noch ist nicht daran zu denken, dass er wieder arbeiten geht. Er hat es fest vor. Doch ob er wieder als Gutachter Häuser betreten wird? "Ich weiß es nicht, ob ich das wieder kann, was dann in meinem Kopf passiert", sagt er. Und noch etwas fehlt. "Ich habe mich noch nicht am Grab von meinem Kollegen verabschieden können." Püllen hat gelernt, dass jeder der Schritte Zeit braucht. "All das wird kommen, wenn es an der Reihe ist. Noch ist es nicht so weit", sagt der 51-Jährige.

Zwei wichtige Wegmarken stehen für Püllen in diesen Tagen an: der Prozess und eine weitere Operation. Beides macht den Tag, der sein altes Leben unwiederbringlich beendete, noch präsenter, als er ohnehin schon ist. Vor allem nachts, aber auch beim Zeitunglesen und Nachrichtenhören kommen jetzt die Bilder wieder. Püllen wird morgen in einem abgeschirmten Vernehmungszimmer aussagen.

Er wollte dem Täter nicht noch einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. "Ich weiß nicht, was er tut, was er sagt und was das in mir auslösen würde", sagt Püllen. Er hat gelernt, dass 15 bis 20 Prozent der Opfer durch das neuerliche Aufeinandertreffen mit dem Täter traumatisiert werden. "Warum sollte ich mich dieser Gefahr aussetzen?"

Kommende Woche wird ihm in einer Operation im Bethesda-Krankenhaus die Platte aus dem Kiefer entfernt. Noch immer kann er den Kiefer nicht richtig bewegen, hat Probleme beim Essen und Trinken. Ob die Operation die behebt, ist unklar. "Ich brauche Geduld", weiß Püllen. Bei der physischen Genesung, aber noch mehr bei der psychischen. Er hat verstanden, dass er vergleichsweise glimpflich davon gekommen ist und es ihn doch schwer erwischt hat: "Ich habe keine Chance, mich dem, was passiert ist, zu entziehen. Es prägt mich für den Rest meiner Zeit."

Quelle: RP

 
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