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Mönchengladbach: Oerlikon Schlafhorst: Der Anfang vom Ende?

VON ELFI VOMBERG UND CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 11.10.2008

Mönchengladbach (RPO). Mit den Textilmaschinenherstellern hat es nun auch die letzten Überlebenden der einst glorreichen Gladbacher Textilära erwischt. Doch die Branche ist trotz Auftragseinbrüchen von über 50 Prozent optimistisch, die Krise bewältigen zu können.

 Foto: Detlef Ilgner
Foto: Detlef Ilgner

„Der Standort wird platt gemacht“, sagt der Betriebsrat von Oerlikon Schlafhorst. Das Ausmaß der Sparpläne sorgt bei den 747 Mitarbeitern für Angst und Ärger. Die Belegschaft im Stammhaus wird fast halbiert: 84 Mitarbeiter werden entlassen, 274 sollen nach Übach Palenberg wechseln.

Wer eine schnelle Erklärung für die aktuelle Krise in der Textilindustrie sucht, muss nur in die Prospekte der Mode-Ketten schauen. Bei Kik bekommt der Kunde eine Damen-Fleece-Jacke für 4,99 Euro. C&A bietet eine Herren-Cordhose für 15 Euro an, und bei H&M gibt’s das Kinder-Langarmshirt für 5,90 Euro. Wären diese Kleidungsstücke in Deutschland hergestellt worden, müsste der Verbraucher ein Vielfaches der Preise zahlen. Sind sie aber nicht, und deshalb liegen die goldenen Zeiten der Gladbacher Textilindustrie in einer mittlerweile fernen Vergangenheit.

Es ist ein langsamer Tod, den die Branche stirbt. Seit den 60er Jahren vollzieht sich dieser Strukturwandel, dem so viele Betriebe zum Opfer fielen. Produziert wird fast nur noch in Billiglohnländern. Nur High-Tech-Produkte sicherten die Existenz. Bis jetzt. Denn nun scheint es mit den hochspezialisierten Textilmaschinenherstellern auch noch die letzten Überlebenden zu erwischen.

Die 1882 gegründete Firma Schlafhorst verlässt Gladbach. Nur kleine Teilbereiche des dereinst mit über 5000 Beschäftigten größten Arbeitgebers der Stadt bleiben – noch. Die derzeit 747 Arbeitsplätze werden weiter reduziert.

Stellenstreichungen stehen auch bei Trützschler (gegründet 1888) erneut an. 80 Jobs wurden in den vergangenen zwei Jahren durch Altersteilzeit eingespart. Nun will Trützschler zusätzlich 90 der 700 Arbeitsplätze streichen. Und dies geschieht in einem Familienunternehmen, das bis vor wenigen Jahren als zuverlässiger Arbeitgeber galt.

Der 1856 gegründete Gladbacher Textilmaschinenbauer Moenus ging vor genau einem Jahr pleite. 160 Mitarbeiter waren von der Schließung betroffen.

Sind die Tage von Gladbachs Textilmaschinenherstellern also tatsächlich gezählt? Davon geht die Branche selbst nicht aus. „Die Krise geht vorbei“, sagt Thomas Waldmann vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. „Gerade der Textilmaschinenbau ist einer der zyklischsten Branchen im Maschinenbau.“ Vor dem Hintergrund des Aufschwungs hätte noch vor acht Monaten niemand den Einbruch erwartet. „Die Krise hat nichts mit Gladbach zu tun“, betont der Geschäftsführer des Fachbereichs Textilmaschinen.

An ein Sterben der Textilmaschinenindustrie in Gladbach glaubt auch Hermann Selker, Unternehmenssprecher von Trützschler nicht. „Im nächsten Jahr wird es zur Erholung des Marktes kommen.“

Die Gründe für die Krise sind vielschichtig. „Der Textilmaschinen-Markt ist fokussiert auf Asien, weil die Textilindustrie dort überwiegend produziert“, erklärt Selker. „Seit einem Jahr wird dort ganz wenig investiert. Dort gibt es ausreichend Produktionsanlagen, weil in den vergangenen Jahren investiert wurde.“ Im Investitionsgüterbereich sei es deshalb schwierig, weil die Lieferanten keinen Markt kreieren können, wie bei Konsumartikeln, sagt Selker. „Wir können nur abwarten bis sich der Markt erholt.“

Der Textilmaschinenbau erlebte in den Monaten Januar bis August einen Auftragseinbruch von 42 Prozent, bei den Spinnereimaschinen waren es sogar 51 Prozent, berichtet Waldmann. Für die Unternehmen gelte es nun, sich breit aufzustellen, Kosten zu reduzieren und die Kernkompetenzen beizubehalten. „Eines ist klar: Die Nachfrage wird wieder kommen“, sagt Waldmann. Gerade im hochtechnologisierten Bereich mit Spezialentwicklungen liege die Chance für die Unternehmen.

Das sieht auch Professor Rüdiger Hamm von der Hochschule Niederrhein so. Hohe Qualität und technischer Vorsprung sind die Faktoren, mit denen Gladbachs Firmen gegenüber der Konkurrenz in Billiglohn-Ländern punkten können.

Trützschler stellt sich darauf ein: Auch wenn die Produktion und Entwicklung einfacher Maschinen in Indien und China liegt, hat Gladbach als Standort auch langfristig seine Berechtigung, betont Sprecher Hermann Selker. „Hier gibt es Know-how-Vorteile.“ In Zukunft heißt das: einfache Entwicklungen gehen ins Ausland, High-Tech bleibt „Made in MG“.

Ob es sich tatsächlich „nur“ um eine Krise oder doch um den Anfang vom Ende handelt, wird die Zukunft zeigen. Doch eines ist heute schon klar: Für den Arbeitsmarkt wird die Textilmaschinenindustrie in Gladbach weiter an Bedeutung verlieren. Das weiß auch Trützschler-Sprecher Hermann Selker: „In Mönchengladbach wird es nicht wieder zu einer Aufstockung der Mitarbeiter kommen.“

„Ich hab’ so eine Krawatte“, sagt Kurt Keller und fasst sich an den Hals. Doch neben dem Ärger haben sich auch tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn breit gemacht. Der 57-Jährige kommt gerade von der Mitarbeiterversammlung bei Oerlikon Schlafhorst. Die Geschäftsführung hat ihre Sparpläne bekanntgegeben. Auf die Beschäftigten kommen wieder mal 84 zusätzliche Entlassungen zu, 274 sollen in das rund 50 Kilometer entfernte Werk nach Übach Palenberg wechseln. Dort würden sie weniger Lohn bekommen. Kurt Keller hat erfahren, dass auch seine Abteilung von den Plänen des Textilmaschinenbauers betroffen ist.

Die Stimmung bei der Mitarbeiterversammlung war gedrückt, doch es gab nur wenige, die lautstark protestierten. Es ist nicht die erste Entlassungswelle, die auf die 747 Beschäftigten zurollt. „Seit der Übernahmen durch Sauerer 1991 ging es ständig bergab“, sagte Betriebsratsvorsitzender Michael Schrodt. Doch jetzt hätten die Pläne eine neue, erschreckende Größenordnung. „Von drei Standorten werden zwei mehr oder weniger platt gemacht. Das ist keine Umstrukturierung, das ist eine Amputation“, sagt Schrodt.

„In den letzten Tagen brodelte schon gehörig die Gerüchteküche, ich war auf das Schlimmste gefasst“, erklärt Kurt Keller und ergänzt: „Was mich geärgert hat, war die Art, wie uns diese Hiobsbotschaft überbracht wurde: ganz locker und bloß keine Emotionen schüren – so als wäre es das Beste, was uns passieren könnte.“ Doch in seiner 40-jährigen Dienstzeit bei Schlafhorst ist er inzwischen Hiobsbotschaften gewöhnt: „Schlafhorst macht mir mein fünftes Weihnachtsfest mit solchen Nachrichten kaputt. Ich hab es langsam satt. Ich hatte mich eigentlich schon auf Altersteilzeit eingestellt, jetzt ist die Zukunft wieder ungewiss.“

Ein junger Mann der Belegschaft schüttelt ungläubig den Kopf. „Man plant sein Leben und dann so etwas. Ich bin erst seit zwei Jahren hier. Klar, dass ich jetzt Angst um meinen Job habe“, erklärt er. Seinen Namen möchte er nicht verraten: „Vielleicht wäre das schon ein Kündigungsgrund. Ich habe wirklich Panik.“

Er ist nicht der einzige, der seinen Namen nicht preisgeben möchte. „An dem geheimen Getue der letzten Tage konnte man merken, dass irgendetwas passiert, aber gleich in dem Ausmaß – das ist ein harter Brocken“, erklärt ein 30-jähriger Angestellter.

Der Betriebsratsvorsitzende Michael Schrodt kritisiert auch die Gründe der Geschäftsführung gegen den Traditionsstandort Mönchengladbach: „Wir wollen jetzt Zahlen haben und durchrechnen.“ Er hält die preiswerteren Miet- und Grundstückspreise in Übach Palenberg für ein Scheinargument. Gleiches gelte für die Löhne, die dort durch Haustarifverträge günstiger sein sollen. Durch das Abkommen Futura lägen die Mönchengladbacher Mitarbeiter immer noch 2,5 Prozent unter Flächentarifvertrag. Der Betriebsrat betont, dass er keine Standort-Diskussion gegen Übach Palenberg führen will. „Aber wir in Gladbach können durch Verzicht nicht noch mehr einsparen“, so Schrodt.

Quelle: RP

 
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