Mönchengladbach: Opfer der Zivilcourage
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 19.09.2009Mönchengladbach (RPO). Ein 42-Jähriger und seine Frau wurden von Jugendlichen zusammengeschlagen, weil sie bei einer Randale im Nachbarhaus eingegriffen hatten. Die Ermittlungen laufen noch, die Familie lebt in Angst.
Als Stefan Karstens* von dem Verbrechen an einem Münchener S-Bahnhof hörte, bei dem am Wochenende ein Mann von Jugendlichen zu Tode geschlagen wurde, weil er Kindern helfen wollte, da wühlten ihn seine Erinnerungen auf. Gedanken an einen Sommerabend vor wenigen Monaten, als er und seine Frau von drei Jugendlichen zusammengeschlagen wurden, weil sie Zivilcourage gezeigt hatten. "Mich quält das, ich kann nachts kaum schlafen", sagt der 42-Jährige. "Dabei habe ich immer gedacht, ich könnte mit so etwas umgehen." Drei Jugendliche griffen ihn und seine Frau nach seiner Aussage bei der Polizei im eigenen Haus an. Der Mann hatte die Tür geöffnet, weil sich die mutmaßlichen Täter als Polizeibeamte ausgegeben hatten.
Zivilcourage
Was ist das? Jemand vertritt soziale Werte oder die Werte der Allgemeinheit ohne Rücsicht auf sich selbst. Wörtlich bedeutet das so viel wie bürgerlicher Mut.
Rat von Kriminalhauptkommissar Horst Pöstges, wie man sich in ähnlichen Situationen verhalten sollte: Schnell die 110 wählen, laut werden, andere direkt ansprechen, um Hilfe bitten.
"Wir bringen euch um"
An diesem Abend kam der Mönchengladbacher Geschäftsmann von der Arbeit, als er und seine Frau seltsame, laute Geräusche aus dem zentrumsnahen Nachbarhaus hörten. Offenbar feierten dort angetrunkene Jugendliche eine Party. Dabei stand die Wohnung leer. Seine Frau bemerkte, so steht es in der Ermitlungsakte, dass die Jugendlichen auf dem Innenhof des Nachbarhauses randalierten. Sie rief sie dazu auf, Respekt vor Fremdeigentum zu zeigen. Vor den Häusern kam es zu einem Handgemenge, Nachbarn riefen die Polizei. Als die die Personalien der zum Teil vorbestraften Jugendlichen aufnahm, drohten sie laut Stefan Karstens: "Wir holen Pistolen, kommen wieder und bringen euch um", erinnert der 42-Jährige.
Am Abend saß die Familie beisammen, um das Erlebte zu verarbeiten, da klingelte es an der Tür. Stefan Karstens hörte nach, wer dort sei. Die Stimme meldete sich laut seiner Aussage mit: "Hier ist die Polizei." Er öffnete, ging über den Innenhof und wurde dort schon angegriffen. Von drei Jugendlichen, einen davon habe er unter den Feiernden wiedererkannt, sagt der 42-Jährige. "Sie haben mich und meine Frau zusammengetreten", sagt er. Im Krankenhaus wurden schwere Prellungen am ganzen Körper festgestellt. Sie hatten noch Glück und konnten wieder nach Hause zu ihren Kindern.
Doch nun lebt die Familie in Sorge. Das Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung läuft noch, dennoch seien die mutmaßlichen Täter noch in der Nachbarschaft unterwegs, sagt Stefan Karstens. Um seine Familie und das Haus zu schützen, will er nun teure Sicherheitssysteme anbringen lassen. "Diese Aggressivität ist für mich erschreckend", sagt der Geschäftsmann. Eine Nachbarin, die Zeugin war, führt seitdem stets ein Pfefferspray mit sich.
Ob er noch einmal eingreifen würde, ist Stefan Karstens nicht klar: "Ich weiß es nicht."
*Name geändert
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