Mönchengladbach: Plötzlich ist der Lehrling weg
VON DIETER WEBER - zuletzt aktualisiert: 15.10.2009Mönchengladbach (RPO). Ein Azubi schmeißt nach einem Tag die Ausbildung. Ein anderer sagt die Lehrstelle kurzfristig ab, weil er woanders den Traumjob gefunden hat. Lehrstellen-Hopping sorgt bei Firmen für Unmut und unbesetzte Stellen.
Er hatte alle Tests bestanden, einen guten Eindruck gemacht und mehrfach telefonisch angefragt, ob er die Ausbildungsstelle als Speditionskaufmann bekommt. Für Anita Breit, Geschäftsführerin beim Logistiker Nellen & Quack, stand fest: Das ist der Richtige für den Job. Der junge Mann arbeitete am ersten Tag bis zur Mittagspause – und ward danach nicht mehr gesehen. "Aus persönlichen Gründen werde er die Ausbildung nicht fortsetzen", mailte er später. Die Folge: Im Unternehmen ist ein Schreibtisch unbesetzt, und ein anderer Lehrstellen-Interessent hielt den Schwarzen Peter in der Hand, weil er die Stelle nicht bekommen hat. Geschäftsführerin Anita Breit: "So etwas ist ärgerlich. Wir hätten die Stelle locker anders besetzen können."
Aufwand ohne Erfolg
Ein Einzelfall? Nein, sagen Kreishandwerkerschaft und Industrie- und Handelskammer (IHK). Bei ihnen melden sich in jedem Jahr Betriebe, denen es ähnlich wie Nellen & Quack ergangen ist. "Das ist mehr als lästig. Die Unternehmen betreiben bei der Auswahl der Bewerber einen erheblichen Aufwand und sehen am Ende keinen Erfolg", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Dieter Porschen. Und auch der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Stefan Bresser, kennt das Thema, das sich oftmals für kleine Betriebe verschärft: Denn sie haben den Azubi fest eingeplant.
"Die Hilfe kommt dann von den Innungen. Jede hat einen Lehrlingswart, und der weiß in der Regel, wo es vielleicht Überhänge gibt." Über Nachvermittlungen versuchen IHK, Handwerk und Arbeitsagentur dem Problem zu begegnen. Jugendlicher Wankelmut ist ein Grund für das Lehrstellen-Hopping. Einen anderen kennt Doris Schillings, Geschäftsführerin der Arbeitsagentur: "Nicht alle Bewerber sind unzuverlässig. Viele fahren mehrgleisig und suchen sich am Ende die Ausbildungsstelle aus, die ihnen am meisten zusagt."
Bei 95 Prozent aller rund 3500 Ausbildungsstellen laufe alles glatt. Indirekt und ungewollt fördern die Berufsberater sogar die Entwicklung. "Wir empfehlen den Jugendlichen, nicht bis zum letzten Tag zu warten und sich auf mehrere unterschiedliche Ausbildungsstellen zu bewerben. Da kann es passieren, dass die jungen Menschen sich kurzfristig anders orientieren, wenn sie ihren Traumjob gefunden haben", sagt Doris Schillings.
Andererseits: Vielen Jugendlichen ist nicht klar, dass die Unterschrift unter einem Vertrag eine rechtliche Bedeutung hat. Und sie durchschauen nicht, dass ihr Verhalten unfair gegenüber den Mitbewerbern ist, die auf der Strecke bleiben. Nellen & Quack-Geschäftsführerin Anita Breit: "Ich musste einigen anderen schweren Herzens absagen. Einem Bewerber hätten wir eine Chance geben können."
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