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Mönchengladbach: Polizeichef in explosiven Zeiten

VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 14.02.2009

Mönchengladbach (RPO). Eine Leiche, verteilt auf Tupperdosen, ein Toter im Polizeipräsidium, Bombenanschläge im Hauptquartier und eine blutrünstige Familienfehde. Alfons Classens 30-jährige Dienstzeit war alles andere als ruhig. Zu seinem 80. Geburtstag am morgigen Sonntag erinnert sich der frühere Polizeichef.

Es gibt Bilder, die vergisst man nie: Für Alfons Classen, dem ehemaligen Polizeichef, gehört jener Tag im Frühjahr 1984 dazu, als er schon vor Dienstantritt über einen ungewöhnlichen Leichenfund informiert wurde. Es sollte einer der spektakulärsten Mordfälle in der Stadt werden. Eine junge Frau hatte ihren Liebhaber erst erwürgt, dann die Leiche mit einer Kreissäge zerstückelt, die Teile gebraten und schließlich eingefroren. Stadtgärtner fanden den ausgekochten Schädel und 42 Tupperdosen mit Leichenteilen im Bunten Garten.

"Ich war bei Morden immer am Tatort. Aber an diesem Tag brauchte ich im Büro erst einmal einen Schnaps", erzählt Adolf Classen, der zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 20 Jahre lang Chef der Mönchengladbacher Polizei war und es noch knapp zehn Jahre bleiben sollte. Am Sonntag feiert Adolf Classen seinen 80. Geburtstag. Aber die Erinnerungen an drei Jahrzehnte als Polizeipräsident in Zeiten von Terroranschlägen, Massendemonstrationen und spektakulären Todesfällen sind noch wach.

Dass es selbst im Polizeipräsidiums einmal einen Leichnam geben sollte, hat Adolf Classen quasi selbst verschuldet. Mit dem Ableben des Mannes, der später in einer Garage an der Theodor-Heuss-Straße aufgebahrt wurde, hatte der Polizeidirektor selbstverständlich nichts zu tun. Der Tote gehörte zu einer großen Familie und war von der Brüstung eines Hochhauses am Römerbrunnen in die Tiefe gestürzt. Und das kam so: Weihnachten 1975 feierte ein Familienclan in einer oberen Hochhausetage das "Fest der Liebe". Entfernte Verwandte wollten mitfeiern, doch das war unerwünscht, und deshalb wurden sie gar nicht erst reingelassen. "Daraufhin kletterte einer die Fassade hinauf. Als er sich gerade über die Brüstung schwingen wollte, stürzte er ab. Die eine Familie sagte, er sei gestoßen worden, die andere versicherte, er sei von alleine hinunter gefallen", erzählt Classen.

Am nächsten Morgen war der komplette Römerbrunnen von Familienangehörigen besetzt. "Selbst aus Amerika sind die Leute angereist", berichtet der Ex-Polizeichef. Hunderte sollen es gewesen sein. "Einfach wegscheuchen konnten wir die Menschen nicht. Das hätte für noch mehr Unruhe gesorgt." Also fuhr Classen mit hinaus, um zu reden. Ihr Gesprächspartner war der Baron des Clans, "ein Mann mit Pelzmantel, vielen Ringen und einem goldenen Stab. Wir haben ihm erklärt, dass wir ihnen nicht tagelang das Gelände überlassen können", erzählt der Ex-Polizeichef. Das Clan-Oberhaupt willligte ein, winkte und verschwand in einer dicken Limousine. "Innerhalb von wenigen Minuten waren tatsächlich alle abgezogen". Dieses Problem hatte Classen also erst einmal gelöst, aber ein anderes sollte sich gleich danach auftun. Denn angesichts der verfeindeten Familien und dem, was sich zwischen beiden ereignet hatte, wollte niemand in der Stadt den Leichnam aufbahren. Classen bot kurzerhand eine Garage auf dem Gelände des Polizeipräsidiums als Totenhalle an. So geschah's. Bis zur Beerdigung sollte es zu keiner Blutrache kommen.

Von 1964 bis 1994 war Alfons Classen Polizeipräsident in Mönchengladbach. Dabei hätte es ursprünglich nur ein kurzes Intermezzo werden sollen. "Zwei, drei Jahre, hat man mir damals gesagt", erzählt Classen, der damals als Oberregierungsrat das Personaldezernat bei der Bezirksregierung leitete, und damit für 4500 Mitarbeiter zuständig war. Dem damals 35-jährigen, jüngsten Polizeidirektor aller Zeiten wurde eine Karriere als politischer Beamter vorhergesagt. Doch dann kam der Regierungswechsel. Der CDU-Mann Classen war nicht mehr im Rennen. Und so schaffte er es zum dienstältesten Polizeichef. "Ich bin nie böse darüber gewesen", sagt der gebürtige Viersener. "Ich habe immer selbstständig arbeiten können."

Aber der studierte Jurist, der von sich selbst sagt, er habe einen patriarchischen Führungsstil gehabt, hat sich sowieso nie viel sagen lassen. Auch nicht von oben. "Die Beamten in der Bezirksregierung wechselten alle zwei Jahre, und immer wieder wurden alte Ideen als neu verkauft. Ich konnte dann mit meiner Erfahrung kontern: Hatten wir schon. Brachte nichts", erzählt Classen und lacht.

Die Zeiten, in denen Adolf Classen zunächst Polizeidirektor und dann (nach der Neugliederung) Polizeipräsident war, waren turbulent: die Demonstrationen beim Schahbesuch, die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg. Die Aktionen der Atomkraftgegner, die Anschläge von Terroristen, die Entführung des Landshut – von all diesen Ereignissen war auch die Mönchengladbacher Polizei mittelbar oder unmittelbar betroffen: erhöhte Alarmbereitschaft, verstärkte Sicherheitskontrollen, Entsendung von Polizeikräften zur Verstärkung. "Bei den Demonstrationen gegen den Schnellen Brüter in Kalkar waren wir sehr häufig im Einsatz", erzählt Classen. Die Hausbesetzerszene habe es auch in Mönchengladbach gegeben – zum Teil mit gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Ostermärsche waren noch populär. "14 000 zogen von Dorthausen in die Innenstadt", erinnert sich der ehemalige Polizeipräsident. Und dann gab es da noch die IRA-Bombenanschläge im Hauptquartier. "Wir haben damals eng mit den Briten zusammengearbeitet." Der Zusammenhalt in der Gefahr sorgte für eine enge Verbundenheit zwischen dem Polizeipräsidenten und dem britischen Befehlshabern – zunächst auf dienstlicher, dann auf gesellschaftlicher Ebene. Classen wurde zum Queens Birthday geladen, schüttelte Mitgliedern der königlichen Familie die Hand und wurde ehrenhalber zum Officer of British Empire ernannt. Am Herzen lag ihm auch der Kontakt zu Politikern, Verwaltungsleuten und Vereinsmitgliedern. "Öffentlichkeitsarbeit für die Polizei war mir immer wichtig."

An seinem Geburtstag wird sich Adolf Classen allerdings vom gesellschaftlichen Parkett fern halten. "Beim 50. und 60. Geburtstag hatte ich bis zu 600 Gäste. Morgen feiere ich allein mit meiner Familie." Übrigens: Morde spielen auch heute noch eine Rolle in seinem Leben. "Ich gucke gerne Krimis."

Quelle: RP

 
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