Mönchengladbach: Räuber sind elf und zwölf Jahre
VON DIETER WEBER - zuletzt aktualisiert: 14.06.2010Mönchengladbach (RPO). Sie sind Kinder, aber bereits ganz schön abgebrüht: Drei Jungs überfielen die behinderte Merle Kelm (36) auf der Friedhofstraße und entrissen ihr die Handtasche. Der Jüngste zeigte nach der Tat Reue und beichtete alles.
Die Stimme von Merle Kelm (36) zittert, wenn sie von der Tat erzählt. Der Schock sitzt bei ihr auch Stunden später noch tief. Am Samstag gegen 19.30 Uhr wird die halbseitig gelähmte Frau unmittelbar vor ihrer Wohnung an der Friedhofstraße in Rheydt überfallen. Die Täter sind drei Kinder – einer ist elf, seine Komplizen sind zwölf Jahre alt. Sie stoßen das Opfer zu Boden, entreißen ihm die Handtasche.
Immerhin: Der Jüngste zeigt anschließend Reue, beichtet seiner Mutter den Vorfall. Und die geht mit ihm sofort zur Polizei, die bereits eine Fahndung eingeleitet hat. "Ich verstehe das nicht. Das sind doch noch Kinder", sagt Merle Kelm leise. Auch ihr Bruder Maik Schultz (33), der sie nach der Tat betreute, ist entsetzt: "Unglaublich. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass Kinder so etwas tun."
Junge Täter
Tatverdächtige Rund 454 Kinder und 1159 Jugendliche wurden 2009 Jahr ermittelt.
Raub Rund 140 Menschen wurden laut Polizeistatistik 2009 auf der Straße beraubt. Fast zwei Drittel dieser Taten ging auf das Konto von Kindern und Jugendlichen.
Mehrere Tricks
Seit einem Schlaganfall, den sie 2001 erlitten hat, ist Merle Kelm gehbehindert. Mit ihrem Rollator ist die Rheydterin am Samstag unterwegs, als sie die Kinder bemerkt, die mit ihren Rädern über den Friedhof fahren. "Die Situation war seltsam. Die Kinder hatten offenbar Langeweile. Sie guckten die ganze Zeit so komisch in meine Richtung", erzählt die 36-Jährige. Sie umklammert den Riemen ihrer Handtasche, als sich die Täter nähern. Die geben sich lässig und zunächst auch höflich. "Können Sie uns sagen, wie spät es ist?", fragt einer. Merle Kelm verneint, sie habe keine Uhr dabei.
Dann versuchen es die Jungs mit einem anderen Trick. Einer von ihnen sei gerade eben gestürzt, brauche Hilfe: "Sie haben doch ein Handy. Können Sie mal kurz anrufen?" In diesem Moment weiß das Opfer: "Die Jungs hatten irgendetwas vor. Ich war in diesem Moment sicher: Die wollen bestimmt meine Handtasche. Ich habe sie ganz fest gehalten. Schließlich waren mein Portemonnaie und mein Ausweis da drin."
Als die Kinder merken, dass sie auf diese Weise nicht zum Ziel kommen, gehen sie nach der brutalen Tour vor. Einer der Jungs schubst Merle Kelm. Sie fällt gegen ein kleines Mäuerchen. Dabei gibt sie die Handtasche frei. Einer der Jungs ergreift sie. Dann flüchten sie mit ihren Rädern. Das Opfer rappelt sich auf. Da sie in der Nähe ihrer Wohnung ist, kann die Rheydterin sofort Hilfe holen. "Eine Nachbarin war auf dem Balkon. Sie hat sofort die Polizei angerufen."
Noch während die Besatzungen von drei Streifenwagen nach den jungen Tätern suchen, erscheint die Mutter des Elfjährigen bei der Polizei. Er hat ihr alles erzählt. Der Junge ist für die Beamten kein unbeschriebenes Blatt und bereits mehrfach unter anderem wegen Laden- und Fahrraddiebstahl aufgefallen. Der Junge gibt Merle Kelm die Tasche zurück und entschuldigte sich bei ihr. Auch die Namen seiner Mittäter sind jetzt bekannt.
Dass sie ihre Handtasche und ihre Papiere zurück hat, beruhigt Merle Kelm ein bisschen. Doch die Angst weicht nicht: "Das war ein schreckliches Erlebnis."
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