Mönchengladbach: Rheydt nicht in Stich lassen
zuletzt aktualisiert: 03.12.2007Mönchengladbach (RPO). Mal Ehrlich mit Dr. Peter Achten. Der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes NRW sagt, warum er sich das ECE-Einkaufscenter nicht zu groß wünscht, was im Fachmarktzentrum City-Ost angeboten werden soll und warum er in Polenza einkauft.
ECE ist eine große Chance für Gladbach – sehen Sie das auch so?
Achten Wenn man es richtig macht, dann ja.
Was wollen Sie damit sagen?
Achten Ein solches Einkaufszentrum kann ein Magnet für die Innenstadt sein. Aber es kann sich auch zu einer Wagenburg entwickeln, die in sich geschlossen ist und von der die Geschäfte in der Stadt nichts haben. Deshalb muss ECE auf dem Platz des alten Stadttheaters gebaut werden und keinesfalls am Berggarten. Und ECE darf nicht größer als 20 000 Quadratmeter werden. Das Center muss eine Ergänzung für den bestehenden Einzelhandel und kein Ersatz für diesen sein.
Derzeit sind aber zwischen 24 000 und 26 000 geplant.
Dr. Peter Achten
Geboren 27. Dezember 1967 in Mönchengladbach
Familienstand verheiratet; zwei Kinder: Greta (7) und Ida (4)
Wohnhaft in Elmpt
Studium der Volkswirtschaft in Münster, Promotion zum Dr. rer. pol. in Köln;
Verband seit 1996 beim Einzelhandelsverband (damals Mönchengladbach, Rheydt, Grevenbroich); seit 2005 Hauptgeschäftsführer des Rheinischen Einzelhandels- und Dienstleistungsverband; seit 2006 Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands NRW
Achten Es war einmal von 29 000 Quadratmetern die Rede. Die Verkleinerung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich bin guter Hoffnung, dass man sich der 20 000er-Marke noch mehr annähert.
Nun soll wegen ECE auch der Fahrzeugverkehr umgelenkt werden. Was halten Sie vom Verkehrskonzept der Stadt?
Achten Mir geht es da wie einem kranken Patienten, der auf den Rat seines Arztes vertraut. In diesem Fall muss ich auf die Gutachter vertrauen. Wobei ich schon mal gerne in die drei zitierten Gutachten hineinschauen würde. Ich persönlich finde die Idee sympathisch, die Stepgesstraße durch eine Linksabbiegerspur aus dem geplanten Tunnel doch noch anzubinden. So könnte man das ECE übrigens auch besser von Rheydt aus ansteuern.
Der große Platz vor dem Einkaufszentrum dürfte Ihnen aber doch gefallen.
Achten Auf jeden Fall. Der Platz ist absolut notwendig. Wir brauchen Aktionsfläche für die Aktivitäten des City-Managements. Wir haben zwar den schönen Alten Markt und auch den Kapuzinerplatz. Doch Aktionen des Handels müssen dort stattfinden, wo der Handel sitzt.
Die allerdings zur Gefahr werden kann – beispielsweise für Geschäfte an der unteren Hindenburgstraße.
Achten Das ist so. Deshalb bestehen wir ja auch auf die 20 000 Quadratmeter-Grenze. Außerdem dürfen nicht alle Magnet-Geschäfte in dem Einkaufszentrum angesiedelt sein. Seit Jahren ist eine Entwicklung zu beobachten, dass sich die guten Einkaufslagen auf Kernbereiche konzentrieren. Die Randbereiche leiden. Mit dem ECE wird diese Entwicklung noch stärker.
Manche Immobilien scheinen in der Tat kaum noch zu vermarkten zu sein. Blutet Ihr Herz angesichts der Entwicklung des Hauses Westland?
Achten Sicher. Das ist sehr bedauerlich, was da passiert ist. Ich kann mich noch erinnern: Als ich Kind war, gehörte Haus Westland zu den Schmuckstücken der Stadt. Die Situation muss unbedingt verbessert werden. Eine Miete zu verlangen wie bei einer 1-A-Lage geht nicht. Damit sich da etwas ändert, muss die Immobilie neu bewertet werden. Doch das ist schwer.
Weshalb?
Achten International gelten deutsche Einzelhandelsimmobilien als unterbewertet. Deshalb kaufen häufig internationale Investoren zu höheren Preisen in der Hoffnung, sie mit Rendite zu verkaufen. Ich glaube nicht, dass deutsche Einzelhandelsimmobilien unterbewertet sind. Vielmehr gehe ich davon aus, dass viele Einzelhandelsimmobilien in Deutschland aktuell überbewertet sind. Wenn man die Gebäude nicht spekulativ, sondern nachhaltig bewirtschaften will, muss klar sein, dass man damit nicht unbedingt die Renditen erwirtschaften kann, die viele internationale Investoren erwarten.
Immer wieder wechseln die Geschäfte. Oft ziehen Billig-Läden ein. Was kann man dagegen tun?
Achten Da sind die Immobilieneigentümer in der Verantwortung. Sie dürfen die Mieten nicht so hoch ansetzen, müssen den Branchenmix einer Einkaufsstraße im Auge haben und beispielsweise auch Existenzgründern eine Chance geben. Das reine Ausrichten an kurzfristig zu erzielenden Spitzenmieten hilft uns allen nicht weiter. Darüber hinaus müssen sich auch Immobilieneigentümer stärker im Stadtmarketing engagieren, da es der Standortaufwertung und damit auch dem Werterhalt ihrer Immobilen dient. Ich habe die Hoffnung, dass sich die Situation mit dem Gesetz für Immobilien und Standortgemeinschaften bessert, das derzeit im Landtag diskutiert wird.
Könnte dieses Konzept Rheydt helfen?
Achten Ich denke da besonders an Rheydt. Dazu müssen aber auch ohne Gesetz zunächst Impulse von Eigentümern, Unternehmern und auch Bewohnern kommen. Solche Impulse erwarte ich auch aus dem gegenwärtigen Werkstattverfahren.
Spielen Sie einmal Visionär. Was wünschen Sie sich für die Rheydter Innenstadt?
Achten Einen funktionsfähigen Rheydter Ring, einen eingefassten Marktplatz mit schöner Außengastronomie – ohne Pavillons. Dazu ein Feinkostladen, der eine oder andere Herrenausstatter, weitere exklusive Damenoberbekleidungsgeschäfte. Junge Leute gehen wieder an der Bahnhofstraße ein und aus. Die Rheydter Wohnlandschaft richtet sich mehr auf Studenten aus.
Sie haben den Rheydter Ring angesprochen. Die gesamte Verkehrssituation begeistert Sie nicht gerade, oder?
Achten Absolut nicht. Wenn Rheydt Mittelzentrum und Versorgungsmagnet auch für das Umland sein will, muss es sich auf eine optimierte Erreichbarkeit auch für motorisierte Besucher einstellen. Deshalb muss tabulos über Verkehrswege diskutiert werden. Und allein für die nötige Infrastruktur muss die Politik Millionen in die Hand nehmen. Wer Mönchengladbach derart aufwertet, muss verhindern, dass Rheydt hinten runter fällt.
Auf der Kippe steht auch das Fachmarktzentrum City-Ost. Macht die Stadt ihre Hausaufgaben richtig?
Achten Die City Ost ist in dem erst im Sommer vom Rat verabschiedeten Nahversorgungs- und Zentrenkonzept als „City-Ergänzungsstandort“ definiert worden. Gemäß Konzept und mit Blick auf die innerstädtische Entwicklung sowie die Entwicklung in den Stadtteilen sollte die weitere Entwicklung dort ausschließlich den Bereich so genannter nicht zentrenrelevanter Sortimente umfassen. In City-Ost dürfen damit nur in sehr begrenztem Ausmaß Dinge angeboten werden, die Kunden aus der Innenstadt herauslocken. Ein Baumarkt und ein Fahrradzentrum sind nach dem Zentrenkonzept okay, Kleidungs- und Sportgeschäfte tabu. Ich warne davor, die erst im Sommer beschlossene Linie nun infrage zu stellen. Hinzu kommt, dass das Bau- und Planungsrecht auf Landesebene eine deutliche Verschärfung gegen die Ansiedlung von zentrenrelevantem Einzelhandel außerhalb so genannter zentraler Versorgungsbereiche erfahren hat.
Aber der Investor kennt doch das Konzept von City-Ost. Machen Sie ihm einen Vorwurf?
Achten Dem Investor mache ich keinen Vorwurf. Der versucht, die größte Rendite erwirtschaften, und das geht nunmal mit Geschäften, die die Innenstadt tangieren. Das Problem ist, dass der Investor die falschen Signale bekommt.
Kommen die falschen Signale aus der Politik?
Achten Die falschen Signale von egal wem. Es muss doch klar sein, dass im Einzelhandel die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Seit über zehn Jahren stagnieren die Umsätze – gleichzeitig ist die Verkaufsfläche um über 25 Prozent gewachsen. Wenn zusätzlich zu der mit dem ECE-Center verbundenen Verkaufsflächenausweitung auch in der City-Ost verstärkt auf Flächenwachstum gerade mit zentrenrelevanten Sortimenten gesetzt wird, wird städtebaulicher Schaden angerichtet und unsere Versorgungslandschaft weiter geschwächt.
Der Wirtschaft geht es gut, nur der Einzelhandel klagt. Woran liegt das?
Achten Wir klagen ja gar nicht. Wir sind immer konjunktureller Spätzünder. Die Verbraucher müssen erst ein hohes Gefühl von Sicherheit bezüglich der eigenen wirtschaftlichen Lage haben. Wir hatten uns den Spätsommer besser vorgestellt, liegen aber unter dem Umsätzen des Vorjahres. Eine große Belastung war für uns die Mehrwertsteuererhöhung. Die gegenwärtig hohe Inflation verdanken wir vornehmlich den Energiepreisen. Das wirkt sich nicht beflügelnd auf die Konsumstimmung aus. Wenn wir im Weihnachtsgeschäft die Vorjahreszahlen erreichen, wäre dies ein gutes Ergebnis.
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