Mönchengladbach: Ruhe um das Café Pflaster
VON INGE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 03.04.2009Mönchengladbach (RPO). Die Aufregung hat sich gelegt. Als das Café Pflaster an der Brucknerallee 37 vor einem halben Jahr eröffnet wurde, befürchteten die Nachbarn Verwahrlosung und Gewalt. Heute helfen sie mit Lebensmitteln und Kleidung.
Fritz Fervers ist jeden Tag im Café Pflaster. "Ich bin Rentner und alleinstehend", sagt er. "In meiner Wohnung fällt mir die Decke auf den Kopf. " Im Haus an der Brucknerallee 37 trinkt er seinen Kaffee, frühstückt und unterhält sich: "Hier habe ich nette Gesellschaft." Täglich kommen wie er 40 bis 50 Männer und Frauen in das schöne Patrizierhaus unweit des Rheydter Marktplatzes – der Diplom-Mathematiker ebenso wie die Ingenieurin und auch Menschen ohne jeglichen Schulabschluss.
Allen ist eines gemeinsam: Sie sind obdachlos, Alkoholiker, drogensüchtig, psychiatrisch auffällig, oder sie haben schlicht und ergreifend zu wenig Geld, um "draußen" leben zu können. Im Café Pflaster sind sie willkommen. Hier kostet die Tasse Kaffee 30 Cent, das belegte Brötchen ebenso.
Vor einem halben Jahr wurde die Einrichtung des Diakonischen Werkes in Rheydt – analog zum Café Pflaster an der Aachener Straße in Mönchengladbach – eröffnet. Gegen die massiven Proteste der Nachbarn, die Schlimmstes befürchteten. "Die Aufregung hat sich nicht nur gelegt, wir genießen großes Wohlwollen", sagt der Leiter des Cafés, Dirk Goedeking. Der Diplom-Sozialarbeiter erzählt: "Vom Café Kiwi nebenan bekommen unsrere Gäste Zeitschriften und Illustrierte, die Nachbarn bringen Kuchen und Kleidung." Die Ängste haben sich in Nichts aufgelöst.
Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass das Haus an der Bruckner Allee einen ausgesprochen gepflegten Eindruck macht. Vor der Tür lungert niemand herum, der Gehweg wird gefegt. "Und wenn einer unserer Gäste morgens eine leere Bierflasche vor der Tür findet, nimmt er sie gleich mit ins Haus", sagt Goedeking. "Unsere Klienten haben einen hohen Ehrenkodex, sie halten ihr Haus in Ordnung." Und sich selbst. Im Haus gibt es eine Waschmaschine und einen Trockner. Und eine Dusche. Angebote, die viele gern nutzen.
Manuela Brülls arbeitet als Krankenschwester im Café Pflaster. Im Obergeschoss hat sie ein komplett eingerichtetes Behandlungszimmer. Wenn sie dort nicht gerade Furunkel und Abszesse behandelt oder kaputte Füße pflegt, ist sie auf der Straße unterwegs. Als Streetworkerin geht sie zu den Szene-Treffpunkten. "Viele von ihnen haben seit Ewigkeiten keinen Arzt mehr besucht", sagt sie. "Ich gehe auf sie zu und biete ihnen Hilfe an." Aber auch gern mal ein Butterbrot oder ein Erfrischungsgetränk.
"Diese Menschen müssen erst wieder Vertrauen aufbauen", sagt sie. "Wenn wir Glück haben, kommen sie zu uns und lassen sich helfen." Sie werden zum Arzt, ins Krankenhaus und zu den Behörden begleitet. Nur drei Regeln müssen sie befolgen: Im Haus sind Alkohol, Drogen und Waffen verboten. "Ansonsten ist alles erlaubt", sagt Dirk Goedeking. "Deshalb geht es bei uns auch fast immer sehr fröhlich zu", sagt Fritz Fervers.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





