Mönchengladbach: Schüler im Freizeitstress
VON JULIANE KAELBERLAH - zuletzt aktualisiert: 13.02.2012Mönchengladbach (RP). Frühes Abitur und Ganztagsschulen lassen Schülern wenig Freizeit: Die Kirchgemeinden haben den Konfirmandenunterricht auf ein Jahr verkürzt. Musikschule und Sportvereine bieten Training bis in den Abend an.
Dietrich Denker ist hin- und hergerissen. "Eigentlich", sagt der Jugendpfarrer " sind die Ganztagsschulen eine gute Sache. Zumindest für die Schüler, die sonst nachmittags allein vor dem Fernseher sitzen würden." Doch seitdem viele Schulen Ganztagsbetreuung anbieten und die Gymnasialzeit auf acht Jahre verkürzt wurde, haben die evangelischen Kirchengemeinden ein Problem: Immer weniger Schüler finden noch Zeit, nachmittags in kirchliche Kinder- oder Jugendgruppen zu kommen.
Nur noch Momentaufnahmen
"Besonders drastisch bemerken wir das bei den Fünft- und Sechstklässlern", sagt der Vorsitzende des Verbandes Evangelischer Kirchen in Gladbach. "Da ist uns auf einmal ein ganzer Stamm Mädchen und Jungen weggebrochen." Früher seien die Kinder mittags um zwei nach Hause gekommen, hätten ihre Hausaufgaben erledigt und seien dann in die Gemeinde gekommen. Jetzt schafften sie das nicht mehr.
G8 und Ganztagsschule
Beschluss Im Jahr 2008 entschied die Landesregierung, 216 Gymnasien und Realschulen in gebundenen Ganztagsschulen umzuwandeln. Seit 2009 gilt sind auch Grundschulen beteiligt.
Konzepte In offenen Ganztagsschulen ist eine Nachmittagsbetreuung weitgehend freiwillig, in gebundenen müssen die Schüler nachmittags mehr Pflichtstunden in der Schule verbringen.
Den Konfirmandenunterricht haben die Gemeinden deshalb schon längst auf den späten Nachmittag verschoben und massiv gekürzt: Aus den 18 Monaten wurde ein Jahr. Nicht ohne Auswirkungen: Früher raufte sich eine Gruppe Jugendlicher über lange Zeit zusammen, entwickelte sich. "Wir konnten sie dabei im Alltag und in ihrer Entwicklung begleiten", sagt Dietrich Denker. "Jetzt sind es eher Momentaufnahmen in der Biografie." Ferienfahrten und Ausflüge müssten gerafft werden, die Inhalte des Unterrichts ebenfalls.
Die kirchliche Arbeit in die Ganztagsangebote an Schulen einzubinden, hält er für schwierig. "Man hat das nicht mehr in der Hand." Es gibt einen zweiten Grund. "Wenn alles in die Schule abwandert, haben die Kinder nur noch ein Lebensumfeld." In Vereinen oder Kirchengemeinden könnten sie Freundschaften außerhalb der Schulen schließen. Doch statt dieses schulferne Leben in den Alltag einzubinden, verschwinde es in Nischen, so der Pfarrer.
Die vollgepackten Schultage machen sich in der ehrenamtlichen Kirchenarbeit bemerkbar. "Viele Jugendliche wollen sich engagieren, können aber erst am frühen Abend – wenn sie nicht zu müde sind", sagt Denker. Die Freizeit gerät so zum Freizeitstress. Das macht sich auch bei Sportvereinen bemerkbar. "So ein langer Tag mit Nachmittagsunterricht oder Ganztagsbetreuung ist eine erhebliche Belastung für die Schüler", sagt die Vorsitzende der DJK Venn. Wenn am späten Nachmittag das Training beginne, kämen sie oft direkt aus der Schule in den Sportverein. "Sie haben dann schon den Drang, sich endlich zu bewegen, sind aber gleichzeitig oft ausgepowert."
Die Musikschule hat sich schon früh auf die Offenen Ganztagsschulen eingestellt. "Unser Problem ist eher, dass sie ihre Ganztagsangebote nicht zur gleichen Zeit beenden", sagt Leiter Christian Malescov. Oft hätten die Mitarbeiter deshalb Probleme, den Unterricht zu koordinieren. Die letzte Stunde Musikunterricht endet um 20 Uhr – "da sind viele Schüler sehr unkonzentriert."
Dass die Zahl der Mitglieder in den vergangenen Jahren trotzdem nicht gesunken ist, macht er am Engagement der Eltern fest. "Vielen ist es wichtig, dass ihr Kind Musikunterricht bekommt. Die Eltern nehmen in Kauf, dass sie abends durch die Gegend fahren müssen, um die Kinder abzuholen."
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