Mönchengladbach: Schuhmacher bessern sogar Autositze aus
VON CHRISTIAN SPOLDERS - zuletzt aktualisiert: 19.04.2008Mönchengladbach (RPO). Aufstieg und Fall können oft nah beieinander liegen. So wie bei den Schuhmachern, zum Beispiel bei Reiner Titz. Der 42-Jährige übernahm sein heutiges Geschäft an der Friedrich-Ebert-Straße vor 14 Jahren. „Ich habe mit einer einzigen Aushilfe und einer Ladengröße von 60 Quadratmetern begonnen“, sagt er. „1997 hatte ich sieben Angestellte und eine Verkaufsfläche von 170 Quadratmetern.“ Das waren gute Zeiten. Dann kam der Bruch.
Heute hat Titz nur noch eine Aushilfe und einen Lehrling. Gründe für die Entlassungen hat er einige. Zum einen liege es am Standort, der nach der Veränderung der Fußgängerzone nicht optimal sei. „Aber vor acht Jahren hat sich auch die Mentalität der Kunden geändert“, sagt Titz. „Es kommt weniger auf Qualität an, als darauf, die Schuhe so billig wie möglich zu kaufen.“ Bei den Preisen für Schuhe, die in Dritte Welt-Ländern angefertigt werden, können heimische Schuhmacher nicht mithalten. Etliche Experten mussten ihr Geschäft schließen, im gesamten Bezirk von Neuss bis Krefeld gibt es nur noch 16 Innungsbetriebe.
08/15 hat keine Chance mehr
Die müssen neue Wege gehen. „Der 08/15-Schuhmacher hat keine Chance mehr“, sagt Günther Schellenberger (70), Obermeister der Innung. Schon längst geht es nicht mehr nur um die Fertigung von Schuhen, sondern um die Herstellung von Taschen und Gürteln, sogar Autositze und Couchbezüge bearbeitet der Lederexperte Titz. Ohne seine Vielseitigkeit könnte der Laden nicht überleben. „Neben dem Geschäft mit den Schuhen ist die Lederaufbereitung unser Steckenpferd“, sagt er. Doch alles hat seinen Preis. „Die steigenden Rohstoff-Preise für Gummi, Leder und Klebstoff sind unser Dilemma.“
Immerhin gebe es in Gladbach noch verhältnismäßig viele, die sich einem Schuhmacher anvertrauen. Doch das Geschäft bleibt rückläufig. Wurden vor 20 Jahren noch bis zu 300 Schuhe pro Woche ausgebessert, sind es heute nur noch 50. Die Zahl der Kunden halbierte sich in den vergangenen zehn Jahren. „Im gesamten vergangenen Jahr haben wir nur vier Paar Schuhe nach Maß hergestellt“, sagt Titz. Er glaubt, dass viele seinen Beruf unterschätzen. „Wir mussten die Anatomie des menschlichen Körpers lernen“, sagt er. Ursache für Kopf- und andere Schmerzen ist oft eine krumme Haltung im Alltag, die an den Füßen beginnt. „Dem können wir Schuhmacher mit individuellen Einlagen vorbeugen.“ Andere nicht.
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