Mönchengladbach: St. Marien: Eine Orgel mit Herz
VON INGE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 05.04.2011Mönchengladbach (RPO). Friedbert Weimbs hat die Pfarrkirche am Marienplatz zu seinem zweiten Zuhause erkoren. Seit fünf Wochen intoniert er mit seinem Auszubildenden Stephan Helmer die neue Orgel.
Jede der 2392 Orgelpfeifen muss eingestellt werden. Am 3. Juli wird das Instrument eingeweiht. Die Oberlippe ist ausgespochen sensibel, und sie muss den perfekten Schwung haben. Das gilt auch für ihr Pendant – die Unterlippe. Und die Zunge spielt im entscheidenden Augenblick eine richtunsgweisende und stimmungsbildende Rolle. Die Lunge muss frei sein und das Herz auf dem rechten Fleck.
Wenn dann noch der Verstand intakt ist und die Füße trittsicher und standfest ihren Dienst verrichten, kann kaum noch etwas schief gehen. Aber bis das soweit ist, haben Friedbert Weimbs und Stephan Helmer noch eine ganze Menge zu tun. Der Orgelbaumeister aus der Eifel und sein junger Auszubildender arbeiten seit fünf Wochen in der Pfarrkirche St. Marien Rheydt. Und sie rechnen noch drei Monate, bis die neue Orgel auf der Empore so klingt, wie es sich gehört.
Die größte und die kleinste Pfeife
Wenn Friedbert Weimbs von seinem Instrument spricht, klingt es, als beschreibe er einen Menschen. Oberlippe, Unterlippe, Zunge – all das hat jede einzelne der 2392 Orgelpfeifen. Sie machen den Klang aus, und deshalb muss der "Mund" aufs Feinste eingestellt werden. Die größte Pfeife ist 5,40 Meter lang, mit Fuß sogar sechs Meter.
Die kleinste misst gerade einmal acht Millimeter. Auch sie muss durch ihren Klang überzeugen. "Wir wollen ja schließlich nicht, dass die Orgel brüllt oder schreit, dass sie womöglich unartig ist", sagt Weimbs.
Deshalb nimmt er jede Pfeife bis zu 150 Mal aus ihrer Befestigung, stellt sie immer wieder neu ein, fügt sie wieder in den Korpus der Orgel ein – und lauscht.Der Klang muss an jeder Stelle der großen Kirche gleich gut sein.
Deshalb setzt sich der Orgelbaumeister bevorzugt in die Bank für Hörgeschädigte. "Wenn der Klang da so ankommt, wie ich ihn haben will, ist es in Ordnung", sagt Weimbs. Kollegen des Orgelbaumeisters formen die Lippen der Pfeifen schon in der Werkstatt. Davon ist Weimbs kein Freund. "Der Klang muss genau in diesen Kirchenraum passen, deshalb intonieren wir vor Ort."
Zumal er diesen Raum im frisch renovierten Gotteshaus am Marienplatz absolut großartig findet und inzwischen zu seinem zweiten Zuhause gemacht hat. "Hier stimmt das Konzept", sagt Weimbs, "und die Orgel ist Teil des ganzen Raumgefüges." Denn auch der Platz für die Orgel und die Ausprägung waren Teil des Konzeptes für die Neugestaltung der Kirche, die vom Mönchengladbacher Architekturbüro Dr. Burkhard Schrammen geleitet wurde.
Einen Acht-Stunden-Tag kennen Weimbs und Helmer nicht. "Wir sind meistens schon um 6 Uhr hier, und abends können wir uns gar nicht von der schönen Kirche trennen", sagen sie. Vor allem nicht, wenn das späte Sonnenlicht durch die Fenster fällt.
Und abends klingt die Orgel anders als morgens, wenn die Türen offen stehen klingt sie anders, als wenn sie geschlossen sind - und überhaupt. "Das muss alles erlebt werden", sagt Weimbs. Der Orgelbaumeister hat kein absolutes Gehör. "Das wäre auch schrecklich. Bei all den schrägen Tönen, die wir hier produzieren, wäre ich längst gestorben", sagt er lachend.
551 000 Euro kostet die neue Orgel. Das Geld muss die Gemeinde aufbringen. "Das hat bisher ganz gut geklappt", sagt Heinz Willi Merkens vom Orgelförderkreis. Tatsächlich fehlen noch 60 000 Euro zur Finanzierung der Orgel, die am 3. Juli eingeweiht wird.
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