Mönchengladbach: Steuerfachleute gesucht
VON GARNET MANECKE - zuletzt aktualisiert: 09.02.2010Mönchengladbach (RPO). Während andere Branchen entlassen, suchen Steuerberater Hände ringend qualifizierte Steuerfachangestellte. Aber nur wenige Jugendliche entscheiden sich für diese Ausbildung, weil der Beruf als langweilig gilt.
Mit der Vier in Deutsch hätte es mit dem Ausbildungsplatz eigentlich nichts werden können. Bei der Auswahl seiner Auszubildenden kommt es Steuerberater Hans-Joachim Vetten besonders auf die Noten in Deutsch und Mathematik an. "Steuerfachangestellte müssen einen ordentlichen Brief aufsetzen können und ein Gefühl für Zahlen haben", erklärt der 38-Jährige. Dass er vor knapp drei Jahren seinem Azubi Tobias Baum trotz der Vier eine Chance gab, hat zwei Gründe: Gute Azubis sind in der Branche rar und Tobias Baum hat Vetten während eines Praktikums in der Kanzlei von seinen Qualitäten überzeugt. Im Frühjahr macht er nach dreijähriger Ausbildung seinen Abschluss zum Steuerfachangestellten.
Während in anderen Branchen Entlassungen an der Tagesordnung sind, werden Steuerfachangestellte Hände ringend gesucht. "Das ist eindeutig ein Arbeitnehmermarkt", stellt Hans-Joachim Vetten fest. Zum einen ist der Beruf nicht in den Köpfen der Jugendlichen verankert, zum anderen aber bilden viele Steuerberater gar nicht mehr aus.
"80 Prozent der Azubis haben die Fachhochschulreife oder Hochschulreife", weiß Vetten. Genau da liegt die Krux. Denn dieser Kreis beginnt nach der Ausbildung häufig ein Studium, um eines Tages selbst Steuerberater zu werden. Ein verständlicher Wunsch, findet Vetten. Allerdings aus Sicht des Arbeitgebers ist das nicht gewollt. "Wir bilden ja eigentlich aus, um die Fachkräfte dann bei uns zu halten", betont der 38-Jährige. Deshalb sind ihm bei der Auswahl auch Jugendliche mit gutem, qualifiziertem Haupt- oder Realabschluss der zehnten Klasse lieber.
Optimal ist ein Abschluss der höheren Handelsschule. "Damit haben die Jugendlichen eine gute Vorbereitung", findet Vetten. Diesen Weg ist Tobias Baum gegangen. Der 21-Jährige hat sich für die höhere Handelsschule entschieden, um für die Berufswahl noch Zeit zu gewinnen. "In der zehnten Klasse habe ich schon mal ein Praktikum bei einem Steuerberater gemacht", erzählt er. So hatte er schon eine Ahnung, was der Beruf des Steuerfachangestellten von ihm fordert.
Zehn Bewerbungen hat Tobias Baum geschrieben. "Aber einige Steuerberater haben gar nicht geantwortet, andere haben mir gesagt, dass sie nicht ausbilden", fasst der junge Mann seine Erfahrung zusammen. Mit zehn Bewerbungen steht Tobias im Vergleich zu seinen früheren Klassenkameraden noch gut da. "Teilweise haben die 40 bis 50 Bewerbungen geschrieben", berichtet der 21-Jährige. Auch wenn Fachkräfte gesucht werden, Auszubildende sind nicht so gefragt.
Auf der anderen Seite ist das Interesse der Jugendlichen an der Ausbildung überschaubar. "Pro Ausbildungsjahr bekommen wir vier bis fünf Bewerbungen auf den Tisch", sagt Vetten. "Viele glauben, dass das Feld der Steuern trocken ist." Dabei sei die Arbeit mit Zahlen nur eine Seite der Medaille. "Der Beruf des Steuerfachangestellten hat einen hohen kommunikativen Anteil", betont Vetten. Rund 20 Prozent des Arbeitstages verbringe ein Steuerfachangestellter am Telefon. Vom Handwerker bis zum Akademiker reiche das Kundenspektrum.
Jedes Jahr stellt Vetten einen Ausbildungsplatz zur Verfügung. Aber auch wenn die Chancen bei wenigen Bewerbungen für den einzelnen Bewerber steigen: Eine Garantie auf einen Ausbildungsplatz bedeutet das nicht. Zurzeit gibt es neben Tobias Baum eine Auszubildende im ersten Lehrjahr. Jeder Bewerber muss ein einwöchiges Praktikum absolvieren. "Wir möchten sehen, was die Bewerber mitbringen und ob sie sich bei uns wohl fühlen", sagt Vetten. Schon beim Vorstellungsgespräch klopft Vetten die Vorkenntnisse der Jugendlichen systematisch ab. Weiß er wo und um welche Stelle er sich bewirbt? Ist ein Grundinteresse für den Beruf da? Beim Praktikum beobachtet der Steuerberater das Auftreten der Bewerber, ihren Umgang mit Zahlen und die Fähigkeiten bei der Arbeit mit Tabellenkalkulationsprogrammen.
Dass trotz der sorgfältigen Vorbereitung kaum ein Auszubildender übernommen wird, liegt nicht an schlechten Leistungen. "Die Übernahme scheiterte in den letzten Jahren immer daran, dass die Auszubildenden sich weiter bilden wollten", sagt Vetten. "Wir würden gerne mal wieder jemanden übernehmen." Auch Tobias Baum wird nach seiner Prüfung wohl gehen. Er will studieren.
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