Mönchengladbach: Studiengebühr verbessert die Lehre
VON G. PETERS, H. HINTZEN, R. JÜNGERMANN UND A. GRUHN - zuletzt aktualisiert: 28.06.2010 - 10:49Mönchengladbach (RPO). Prof. Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein, erklärt, warum er das projektorientierte Studium ausbauen will und welche Folgen ein Wegfall der Studiengebühren hätte. Außerdem verrät er, welche Studierenden einen enormen Aufstiegswillen haben.
Die künftige Landesregierung plant, die Studiengebühren wieder abzuschaffen. Hat die Hochschule Niederrhein dann ein Problem?
Von Grünberg Ein ganz erhebliches sogar. Sieben Millionen Euro im Jahr fallen dann weg. Ein Student bezahlt für seinen Bachelor-Abschluss in der Regelstudienzeit 3000 Euro an Studiengebühren. Das Studium kostet jedoch in der Chemie rund 65000 Euro, in den Wirtschaftswissenschaften 25000 Euro. 80 Mitarbeiter der Hochschule werden durch Studienbeiträge bezahlt. Durch die sieben Millionen Euro im Jahr hat sich die Lehre an der Hochschule spürbar verbessert, und jeder Student kann Ihnen sagen, wo.
Halten Sie das System für richtig?
Von Grünberg Nicht ganz. Es gibt ein besseres Modell, das der nachgelagerten Studiengebühren. Ich halte das für ein Idealmodell: Der Akademiker zahlt die Gebühren zurück, wenn er in Lohn und Brot steht. Wer also aufgrund seines Studiums einen guten Arbeitsplatz gefunden hat, zahlt nachträglich seine Gebühren. Damit hat man beim Zugang zum Studium Chancengleichheit und trotzdem eine Beteiligung der Nutznießer an den Kosten.
Was passiert, wenn die Studiengebühren ganz wegfallen?
Von Grünberg Dann müssen die 250 Millionen Euro, die jährlich in NRW an Studiengebühren anfallen, woanders herkommen.
Woher?
Von Grünberg Wie gesagt: Wir müssen über alternative Modelle nachdenken. Auch die Industrie könnte einen Teil beitragen. Ein ersatzloser Wegfall der Studiengebühren wäre ein katastrophales Signal für die Hochschulen des Landes. Wir dürfen nicht an unseren Studierenden sparen. Die Qualität ihrer Ausbildung entscheidet über die Zukunft unseres Landes.
Müssten Sie Personal entlassen?
Von Grünberg Es wird wohl eine Auslaufzeit geben bis 2012. Wenn die Beiträge aber ersatzlos wegfallen, ist das ein Schlag ins Kontor. Wahnsinnig viele Sachen, die heute zum Studium selbstverständlich dazugehören, gab es vor Einführung der Beiträge nicht oder nicht in dieser Qualität. Heute gibt es mehr Tutorien, mehr Brückenkurse, mehr Studierenden-Service. Wir finanzieren allein in diesem Jahr 450 studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte aus Studiengebühren.
Der Campus in Mönchengladbach wird demnächst umgebaut.
Von Grünberg Die letzte Unterschrift erfolgt im September, die Bauzeit beträgt ein Jahr. Zum Jahr 2012 soll er beziehbar sein.
Wird die Hochschule wachsen?
Von Grünberg Wenn die Mittel aus dem Hochschulpakt 2020 tatsächlich so fließen wie angekündigt, wären das für unsere Hochschule erfreuliche Zahlen. Dadurch könnten wir mehr Lehrpersonal einstellen, was wichtig ist, denn 2013/14 werden wir den doppelten Abitur-Jahrgang haben. Der Hochschulpakt kann aber keinesfalls die Studiengebühren ersetzen. Damit sollen ja Professorenstellen geschaffen werden, was mit Studiengebühren nicht geht.
Die Hochschule wird also weiter wachsen.
Von Grünberg Die demografische Entwicklung geht bergab, aber die Anzahl der Studierenden bergauf. Das finde ich toll. Wir brauchen eine hohe Akademiker-Quote. Unsere Zukunft liegt darin, Dinge zu entwickeln und zu erforschen. Investitionen in Kindergärten, Schulen und Hochschulen sind unser wichtigstes Investment.
Sie wollen die Wirtschaft vermehrt einbinden in die Hochschule.
Von Grünberg Das Modell der Zukunft wird sein, dass sich die regionale Industrie einbringt. In Lemgo zum Beispiel haben Unternehmen einen Hochschul-Neubau mitfinanziert unter der Bedingung, dass die Forschung für sie relevant ist, sie also den Nutzen daraus ziehen.
Die hiesige Region ist mittelständisch geprägt. Ist so ein Modell hier realistisch?
Von Grünberg Es geht um die Frage, ob die Unternehmen in der Region uns als ihre Hochschule begreifen. Wir sind die Antwort auf deren Nachwuchsprobleme. Unternehmen und Hochschule müssen sich als regional orientierte Ausbildungspartner verstehen. Die Unternehmen helfen uns, durch ihr Interesse an unseren Studierenden junge Menschen in der Region zu halten. Und wir garantieren den für uns lebenswichtigen Praxisbezug durch interessante Projekte, die aus den Unternehmen in unsere Fachbereiche kommen.
Es gab Kritik, die Hochschule würde Unternehmen nicht ernst nehmen.
Von Grünberg Das war vor meiner Zeit. Ich spreche für eine stattliche Zahl Forscher, die in der Pflicht sind, Praxis und Projekte von außen herein zu holen. Das macht das Modell Fachhochschule, mit seinem Umland zu kooperieren, zu einem ganz aktuellen.
Und da sehen Sie noch Potenzial?
Von Grünberg Ja. Da können wir noch besser werden.
Sie sind jetzt Präsident der Hochschule Niederrhein. Haben Sie mehr Macht oder weniger als der Rektor Ostendorf?
Von Grünberg Ich glaube weder noch. Es ist dasselbe.
Im Hochschulrat diskutieren Externe über die Hochschule. Ist das für Sie ein Segen?
Von Grünberg Das ist ein Segen, es funktioniert fantastisch. Da sind Leute aus so vielen Bereichen dabei. Ich habe die Diskussion dort als sehr gut empfunden. Der fremde Blick auf eine Sache ist manchmal sehr gut und hilfreich.
Sie sind theoretischer Physiker.
Von Grünberg Ja, aber es heißt ja nicht: Einmal theoretischer Physiker, immer theoretischer Physiker. Ich habe als Forscher früher tagelang in meiner Kammer gesessen. Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist wie an einem Sommertag im Keller zu sitzen, während die anderen draußen ein Fest feiern. Deshalb macht mir das Hochschulmanagement so viel Spaß. Was bringt Ihnen Ihr Wissen als Physiker bei ihrer neuen Aufgabe? Von Grünberg Wir Naturwissenschaftler denken in Modellen. Diese Arbeitsweise hilft sehr. Ich habe heute erst den Haushalt durchsimuliert. Ich weiß nicht, ob ein Volkswirt dafür sehr viel besser ausgebildet ist.
Aber warum Physik?
Von Grünberg Mich hat daran gereizt: Sie haben ein Gegenüber, und zwar Mutter Natur. Deren Geheimnisse gilt es zu ergründen. In der Physik kann ich sie entschlüsseln mit mathematischen Methoden.
Aber Politik hat auch mit Würfeln, mit Zufällen, zu tun.
Von Grünberg Auch Gott würfelt. Irgendwann geht es ja nur noch um Wahrscheinlichkeiten. Zu 70 Prozent ist das Elektron da, zu 30 Prozent dort.
Also sind Sie bestens auf Politik vorbereitet.
Von Grünberg (lacht) Wahrscheinlichkeit ist Teil unserer Welt geworden.
Wie empfinden Sie die Region? Wofür stehen Gladbach und Krefeld?
Von Grünberg Als ich beim Neujahrsempfang der WFMG war, kannte ich keinen Menschen. Norbert Bienen hat mich überall vorgestellt, und von da an haben mich die Menschen zwei Stunden umlagert. Wie temperamentvoll die Rheinländer auf einen Fremden zugehen, da hat die rheinische Mentalität mein Herz erobert.
Was sind Ihre Ziele als Präsident der Hochschule?
Von Grünberg Ich möchte ein hochwertiges Masterprogramm aufbauen, die angewandte Forschung stärken und die Kooperation mit der regionalen Wirtschaft intensivieren. Gerade das Masterstudium ist eine geniale Chance, projektorientiertes Studium auszubauen. Ich will Projekte, und zwar in Zusammenarbeit mit den Unternehmen der Region. Das ist anwendungsnahe Forschung, unser wesentliches Qualitätsmerkmal.
Bleiben denn Hochbegabte in der Region?
Von Grünberg Wer ein richtig guter Schüler ist, der hat das spätestens beim Abitur gemerkt und geht an eine der renommierten Unis. Wir haben andere Talent-Reserven, und zwar in den bildungsfernen Schichten. Ich habe an der Hochschule eine Vorlesung erlebt mit Russlanddeutschen, Libanesen, eine Afrikanerin mit ihrem Baby saß da, junge Türkinnen - das war die beste Vorlesung, die ich je gehalten habe. Diese Menschen mit Migrationshintergrund haben einen wahnsinnigen Aufstiegswillen. Solche Leute müssen wir für die Hochschule Niederrhein gewinnen.
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