Mönchengladbach: Susanne Gogas großer Roman-Wurf
VON DIRK RICHERDT - zuletzt aktualisiert: 24.11.2009 - 16:36Mönchengladbach (RPO). Der Rheydter Übersetzerin Susanne Goga ist mit ihrer voluminösen Erzählung „Das Leonardo-Papier“ ein ausgereiftes Genrebild des Lebens in England um 1820 gelungen. Der Roman hat großen Atem, ohne an Spannung einzubüßen. Die Sprache ist authentisch, ohne altmodisch zu wirken.
Die Erwartungen an das neue Opus von Susanne Goga waren groß, schon angesichts der respektablen, einfühlsam die Weimarer Jahre in Berlin spiegelnden Schilderung in ihren beiden Leo-Berlin-Krimis. Doch jetzt legt die 42-jährige Mönchengladbacher Autorin ein weit umfangreicheres Werk (506 Textseiten) vor. Ein Wagnis.
Herkunft verschwiegen
Doch es ist aufgegangen – auch wenn die kriminalistischen Momente in „Das Leonardo-Papier“ nur Beiwerk der Erzählhandlung sind. Viel mehr als die Auflösung einer Diebstahlsgeschichte um ein wertvolles Pergamentblatt Leonardo da Vincis fasziniert der große, weit ausholende Atem dieser Erzählung, in deren Mittelpunkt eine junge Frau steht. Diese Georgina Fielding, im längsten Teil des Romans 21 Jahre alt, forscht nach ihrer Herkunft, die ihre Pflegefamilie ihr schamhaft verschweigt.
Autorin 1967 in Mönchengladbach geboren, lebt in Rheydt
Studium Literatur-Übersetzung in Düsseldorf
Beruf Seit 1995 Literaturübersetzerin (Englisch, Französisch)
Bücher „Leo Berlin“, „Tod in Blau“; „Das Leonardo-Papier“
Neues Buch Erschienen im Diana-Verlag, München; 512 Seiten; 9,95 Euro; ISBN: 978-3-453-35298-8
Denn die gehobene englische Gesellschaft in London und Oxford – die wichtigsten „Spielstätten“ des Romans – kann anstößige Wahrheiten wie die uneheliche Abstammung Georginas nicht zugeben. Verdrängung ist das beherrschende, das hochmögende Gebaren reicher Briten im 19. Jahrhundert prägende Moment. Doch Georgina lässt nicht locker. Sie, die bei ihrer Tante und ihrem Großvater aufgewachsen ist, hat einen Charakter, der für jene Zeit – der Roman spielt zwischen 1805 und 1821 – außergewöhnlich widerspenstig, freiheits- und vor allem wissensdurstig ist.
So ist Georgina fasziniert von der Geologie, einer damals jungen Wissenschaft, die öfter mit der herrschenden Lehrmeinung der Staatskirche kollidierte. Zogen die Entdecker von Fossilien doch die tradierte Auffassung, die Erde sei vor gut 6000 Jahren geschaffen worden und die Sintflut habe Meeresgetier bis auf die höchsten Berggipfel befördert, in Zweifel.
„Alle Professoren in Cambridge und Oxford waren in jener Zeit zugleich Geistliche der Anglikanischen Kirche“, erläuterte Goga bei der Premieren-Lesung ihres Romans in der Rheydter Stadtteilbibliothek. So wird deutlich, wieso namhafte Geologen wie der spleenige William Buckland auf das rätselhafte Pergament Leonardos, das auf abenteuerlichen Wegen in den Besitz Georginas gelangte, abwehrend reagieren.
Der Leidensdruck für Georgina wächst noch aus anderen Bedrückungen. So will ihre Tante Anne sie mit einem ungeliebten Arzt verheiraten, dessen moralische Integrität Georgina bei ihren Recherchen als ziemlich zweifelhaft entlarvt. Dabei hilft ihr ein deutscher Reiseschriftsteller, Justus von Arnau. Eine komplizierte Liebesgeschichte beginnt.
Zu dem Themenkreis aus der Geologie sei sie durch ein Kapitel aus dem Buch „Eine kurze Geschichte von fast allem“ von Bill Bryson gekommen, erzählte Goga bei der Lesung. Und so besuchte sie das Küstenstädtchen Lyme Regis in Devon, um sich dort über Ausgrabungen in England zu informieren. Ein Jahr habe sie an dem Buch geschrieben, so die Autorin.
Mit „Das Leonardo-Papier“ ist Susanne Goga ein großer Wurf gelungen. Spannungsbögen baut sie mit famoser Sicherheit auf, wobei ihre Sprache ganz ruhig im Fluss, sehr gewählt im Ausdruck und gerade deswegen so bezwingend ist. Das Prinzip der Retardation, des Innehaltens mag manchen Leser auf die Folter spannen. Er wird sich gleichwohl dem Sog dieser Sprache nicht entziehen können.
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