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Mönchengladbach: Teilen mit anderen macht reich

zuletzt aktualisiert: 30.01.2010

Mönchengladbach (RPO). Interview Edmund Erlemann, Mitbegründer des Volksvereins, wird morgen 75 Jahre alt. Im Gespräch erzählt er, warum er in einer Fabrik Schicht arbeitete, warum er den Pflicht-Zölibat abschaffen würde und dass Ulrich Clancett sein "Urenkel" ist.

Sie haben immer gesagt, dass wir materiell mit wenig auskommen können. Wie empfinden Sie die Situation in Mönchengladbach: Jammern wir auf hohem Niveau oder gibt es echte Not?

Erlemann Echte Not gibt es. Viele Kinder bekommen kein Mittagessen. In Mönchengladbach liegt die Rate der Hartz IV- Empfänger bei 20 Prozent der Bevölkerung. Hartz IV weist für ein Mittagessen etwa 1,03 Euro aus. In der Schule kostet es aber mindestens 2,50 Euro. Dann werden die Kinder eben vom Essen abgemeldet und bekommen keins. Und da habe ich die besonderen Gruppen wie Asylbewerber und Wohnungslose noch gar nicht angesprochen. Es ist für diese Menschen schon ein Kunststück, mit ihrem Geld auszukommen.

Wie hat sich die Situation in Mönchengladbach verändert?

Erlemann Sie hat sich deutlich verschlechtert. Wenn man die Hindenburgstraße entlang oder durch die Innenstadt von Rheydt geht, sieht man schon, dass der Wohlstand in der Stadt gewichen ist. Viele Billigläden prägen das Bild. Die Stadt hat den Niedergang der Textilindustrie nicht verkraftet, im HQ gingen 1000 Arbeitsplätze verloren, und viele alte Gladbacher Firmen wie Schlafhorst haben in den letzten Jahren Mitarbeiter entlassen.

Hat die Stadt Fehler gemacht?

Erlemann Mir steht darüber kein Urteil zu. Fakt ist, dass es nicht gelungen ist, alternative Industrien anzusiedeln.

Sie haben schon früh gesagt, dass die Kirche zu den Menschen kommen muss und nicht die Menschen zur Kirche. Ein Gedanke, der heute sehr aktuell ist. Waren Sie Ihrer Zeit voraus?

Erlemenann Ich sehe die Entwicklung nicht so positiv. Die Kirche hat sich in der letzten Zeit viel um sich selbst gedreht. Ich meine, die Kirche kommt jetzt weniger zu den Menschen als es schon mal war. Jacques Gaillot, der ehemalige Bischof von Évreux, sagte: "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts." Unsere Aufgabe ist es, Leben zu ermöglichen. Kirche sollte für alle da sein und besonders für diejenigen, die arm dran sind. Der erste Titel in der Geschichte der Kirche für die Bischöfe war Pater Pauperum, Vater der Armen.

Was müsste die Kirche tun, um wieder zu den Menschen zu kommen?

Erlemann Ich meine, dass die gegenwärtige "Kirchenreform von oben" zwei große Probleme aufweist: Erstens richtet sich alles nach den Priestern. Sie müssen Chefs sein, werden von persönlichen Bezügen zu Menschen ausgenommen und sind für viele ihrer Aufgaben nicht ausreichend ausgebildet. Zweitens ist Kirche eine Gemeinschaft, die davon lebt, dass gemeinschaftlich etwas gestaltet wird. Die Entfernung zu den Menschen ist ein von der Kirche selbst gemachtes Problem. Der Zölibat zum Beispiel stammt in seiner gegenwärtigen Form aus dem 12. Jahrhundert. Papst Johannes XXIII. hat die Beratung über eine eventuelle Änderung dieses Gesetzes 1962 dem zweiten vatikanischen Konzil übergegeben. Da wurde leidenschaftlich diskutiert und empfohlen, auf den Pflichtzölibat zu verzichten. Papst Paul VI. hat danach Priestern erleichtert, sich laisieren zu lassen. Sie konnten trotzdem als Pastoralreferenten oder Religionslehrer im Kirchendienst weiter arbeiten.

Würden Sie den Zölibat abschaffen?

Erlemann Den Pflicht-Zölibat ja, nicht den freiwilligen. Ich bin überzeugt, dass auch verheiratete Männer und Frauen gute Priester sein können.

Aber Sie haben sich für das Priestertum entschieden.

Erlemann Ob ich das wusste, ist eine andere Frage. Mit 25 Jahren wurde ich geweiht, vor jetzt 50 Jahren. Während der Ausbildung lebten wir ziemlich isoliert im Seminar. In meiner ersten Stelle in Aachen habe ich dann in einem Arbeiterviertel so viele Probleme kennen gelernt. Mit all meinen Antworten, die ich gelernt hatte, konnte ich da gar nichts anfangen. Diese Erlebnisse haben meine Haltung verändert. Und die Bekehrung zu den Menschen dauert heute noch an.

Was haben Ihre Eltern zu Ihrem Berufswunsch gesagt?

Erlemann Ihre Reaktionen waren positiv. Mein Vater hatte in seiner Jugend ähnliche Wünsche, die nicht erfüllt wurden. Er war Lehrer. Mit meinen Geschwistern bin ich in einem eher konservativen, bürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Nachdem ich 1975 in der Gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer den Beschluss "Kirche und Arbeiterschaft" mit verantwortet hatte, wollte ich erfahren, wie die Arbeiterfamilien leben und habe vier Wochen Schicht gearbeitet.

Sie werden als linker Pfarrer bezeichnet. Ist die Einschätzung korrekt?

Erlemann Ja, da habe ich auch nichts dagegen. Das ist nicht politisch gemeint.

Wie leben Sie heute persönlich Verzicht?

Erlemann Ich bekomme im Aloysiusstift ein Appartement. Aber das ist für mich kein richtiger Verzicht. Das reicht für mich. Dem Gehaltsverzicht trauere ich ein bisschen nach. Denn obwohl wir sogar vor dem Bundesgerichtshof mit unserer Entscheidung Recht bekommen haben, ist das nicht umgesetzt worden. Dabei stimmt der Wahlspruch des Volksvereins: Teilen macht reich.

Welcher Verzicht fällt Ihnen schwer?

Erlemann Auf Urlaub und auf freie Zeit. Ich bin kein Mensch für teure Urlaube. Aber bisher war mein Urlaub oft mit Aufgaben verbunden. Ich würde gerne mal gar nichts tun.

Denken Sie manchmal, in dieser oder jener Situation hätte ich konsequenter sein müssen?

Erlemann Ich habe nie zurück gesteckt. Anzeigen bei kirchlichen und auch "weltlichen" Oberen und Stellen habe ich wohl bekommen und Nachteile erfahren. Vielleicht konnte ich auch deshalb nie Bischof werden. Mir wurde mal vom Generalvikar gesagt: Deine Akte beim Nuntius ist zu dick.

Haben die Anfeindungen Sie gekränkt?

Erlemann Ja, aber die meisten haben sich mir gegenüber immer fair verhalten – nicht alle, und das tut schon mal weh. Einmal gab es eine furchtbare Aufregung über einen Fernsehgottesdienst im Münster. Da habe ich ein Gedicht von Kurt Marti über die Geburt verlesen und dann das Hochgebet frei gesprochen, obwohl man das ablesen musste. Darüber gab es viele Beschwerden. Bischof Hemmerle hat mit mir darüber gesprochen und gesagt: "Das Hochgebet war sehr gut, aber sie dürfen es eben so nicht machen."

Ist der Weg, den Sie gegangen sind, richtig gewesen?

Erlemann Ich habe Fehler gemacht, die ich bereue, besonders wenn ich Menschen verletzt habe. Ich habe jedoch nie jemanden bekämpft, deshalb habe ich auch hoffentlich keine persönlichen Feinde. Früher sind viele Leute nach Mönchengladbach gekommen und wollten hier als Pastoral-Referentinnen, Gemeinde-Referenten, Priester oder auf einem anderen Platz arbeiten. Alles, was gewachsen ist, ist auf den Schultern vieler gewachsen. Die Kompetenzen der Leute sind anerkannt worden. Es gab keine hierarchischen Strukturen, sondern Kompetenz-Strukturen, in denen das Delegationsprinzip konsequent angewandt wurde.

Demnach müssten Ihnen Ihre Pfarrer- und Regionaldekan-Nachfolger Albert Damblon und Ulrich Clancett sehr gefallen?

Erlemann Sicher! Urlich Clancett ist mein lieber "Urenkel". Und Albert Damblon ist ein Bruder im Geiste.

Wie sieht jetzt ihr Alltag aus?

Erlemann Vom bischöflichen Auftrag in Mönchengladbach-Süd bin ich befreit. Aber ich kümmere mich intensiv um die Brandts-Kapelle und um das Kinderdorf in Waldniel. Zudem bin ich Seelsorger in zwei Altenheimen, taufe Kinder und Erwachsene, traue liebe Leute und muss viele Freundinnen und Freunde beerdigen.

Sie haben gesagt, dass Sie Mönchengladbach schön finden. Warum?

Erlemann Mönchengladbach ist die Heimat der katholischen sozialen Arbeit. Die Arbeitsschutzgesetze sind hier entstanden: Krankenversicherung, Sterbegeld, die Abschaffung der Kinderarbeit, die Mitbestimmung bis hin zur dynamisierten Rente sind alles Ideen, die hier entstanden sind. Das Münster ist das Symbol der benediktinischen Spiritualität. Davon haben die Leute über Jahrhunderte was gehabt.

Was sind Ihre persönlichen Ziele?

Erlemann Die gemeinsame Arbeit mit Arbeitslosen und Armen, mit den Steyler Missionsschwestern und der Stiftung Volksverein im TaK, dem Treff am Kapellchen, an der Rudolfstraße. Die Wachablösung im Volksverein wird gerade vorbereitet. Mir liegt viel daran, dass noch mehr Köpfe aufgrund ihrer Kompetenz und ihres Engagements in die führenden Positionen kommen. Es geht nicht um mich. Teilen mit Arbeitslosen, Wohnungslosen und Leuten, die am Rand der Gesellschaft leben, macht reich.

R. Jüngermann, G. Manecke und D. Weber führten das Gespräch.

Quelle: RP

 
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