Mönchengladbach: Tischlein deckte sich
VON INGE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 10.10.2007Mönchengladbach (RPO). Feinstes aus der Gourmetküche: Gestern gab es im Tagestreff für Wohnungslose in Rheydt ein ganz besonderes Mittagessen. Zubereitet und serviert von Spitzenkoch Wolfgang Eickes, verspeist und gelobt von 40 begeisterten Gästen: „So wurden wir noch nie verwöhnt.“
Zarte Poulardenbrüstchen, glaciert in Meersalz und süßem Honig, gebettet auf Toskanischem Gemüse mit Rosmarinkartöffelchen, anschließend Süßspeisen-Variationen: Laslo Tod lässt sich die Menüfolge buchstäblich auf der Zunge zergehen. „Das hört sich köstlich an.“ Und dann probiert er – und isst alles genüsslich auf. Auch den Rosmarinzweig. „So etwas Gutes habe ich noch nie gegessen“, sagt der Ungar. Und seine Tischnachbarn bestätigen: „Das schmeckt einfach himmlisch – so nach Luxus.“
Im Tagestreff der Wohnungslosen an der Waisenhausstraße war gestern ein Festtag. Spitzenkoch Wolfgang Eickes hatte für einen Mittag sein Gourmet-Restaurant „Palace St. George“ im Nordpark verlassen und verwöhnte im Haus Emmaus Menschen, die sonst nicht in den Genuss solch kulinarischer Gaumenfreuden kommen: Wohnungslose, Drogenabhängige, Alkoholiker, Außenseiter der Gesellschaft.
Schon eine Stunde vor der Essenszeit sitzen die Männer und Frauen erwartungsvoll im Esszimmer und im Flur der Einrichtung. „Als sich herumgesprochen hatte, dass der Spitzenkoch eines Gourmet-Restaurants für uns kocht, haben sich gleich 40 Mittagsgäste angekündigt“, sagt Christoph Föhles, Leiter des Tagestreffs. „An einem normalen Tag essen hier maximal 15 bis 20 Menschen.“
Gestern war kein normaler Tag. Gleich vier Tische waren liebevoll eingedeckt worden: Gläser, Besteck, Servietten und Blumenschmuck. Mit großer Routine füllen Wolfgang Eickes und sein Kollege Karsten Otten, beide natürlich im professionellen Outfit, die Teller: die Kartoffeln an den Rand, in die Mitte das Gemüse, darauf das zarte Fleisch mit einem duftenden Kräutersträußchen. In Windeseile sind 40 Portionen verteilt – und im Raum kehrte Stille ein. „Das ist ein gutes Zeichen, es scheint allen zu schmecken“, sagt der Spitzenkoch.
Das aufwändige Essen hatte er in seiner Profiküche im Nordpark zubereitet. „Das hätten wir im Tagestreff nicht so hinbekommen.“ Und schließlich sollte es ja genau so schmecken wie im Palace St. George. Die Poulardenbrust kam übrigens als Spende vom Handelshof. „Mir hat die Idee so gut gefallen, dass ich mich beteiligen wollte“, erklärte Geschäftsleiter Joachim Potrykus.
Jutta Fritsch lässt sich das Essen schmecken. Fast andächtig genießt sie Fleisch, Gemüse und Kartoffeln in ganz kleinen Bissen. Und natürlich die Nachspeise. „Das ist wirklich mit Liebe gekocht“, sagt sie. Ihre Tischnachbarin Sibille Lobitz ist zum ersten Mal im Tagestreff. „Und dann werde ich gleich so verwöhnt. Das ist ein schöner Tag“, findet sie. Die 72-Jährige verbringt ihre Freizeit („davon habe ich mehr als genug“) hauptsächlich in Bussen. „Ich fahre von Rheydt nach Schelsen, nach Wanlo, Rheindahlen, nach Neuwerk – immer kreuz und quer. Ich kenne die Stadt wie meine Westentasche.“ Und jetzt kennt sie auch den Tagestreff im Haus Emmaus. „Hier ist es schön. Ich komme ganz sicher wieder.“
Das Essen ist verspeist, einige rauchen und trinken noch einen Kaffee. Isolde Hensel strahlt: „Es hat geschmeckt wie im besten Restaurant, das war für uns etwas ganz Besonderes.“ Und ihr Nachbar sagt: „So etwas habe ich noch nicht erlebt. Womit haben wir das verdient?“
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