Mönchengladbach: Tod im Pflegeheim: Justiz ermittelt
VON GABI PETERS UND JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 22.07.2010 - 07:26Mönchengladbach (RPO). In Mönchengladbach ist ein 85-Jähriger möglicherweise durch mangelnde Versorgung mit Flüssigkeit während einer Kurzzeitpflege gestorben. Nun ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung des Mannes.
Vernachlässigte Bewohner, überarbeitete Mitarbeiter, schwerwiegende Pflegefehler – schon vor einem Jahr soll im Caritas-Altenheim in Mönchengladbach-Giesenkirchen auf schwere Missstände hingewiesen worden sein. Doch dies geschah nur intern.
In die Öffentlichkeit traute sich niemand. Mitarbeiter und Bewohner schwiegen aus Angst. "Wenn du Kritik übst, wirst du rausgemobbt und bekommst nirgendwo im Pflegebereich mehr eine Stelle", sagt ein Mitarbeiter, der sich ebenfalls fürchtet, seinen Namen zu nennen. Doch dann drangen die Vorwürfe an die Öffentlichkeit. Nun ermitteln die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei – wegen möglicher fahrlässiger Tötung und schwerwiegender Pflegefehler. Und die Ermittler haben nicht nur das Altenheim in Giesenkirchen im Visier, sondern auch ein zweites unter der selben Trägerschaft.
Bei Wassermangel trocknet der Körper aus, er dehydriert.
Verlauf Die Körperzellen verlieren lebenswichtige Wassermengen. Das reduziert die Zellaktivität im gesamten Körper.
Symptome sind unter anderem Kopfschmerzen und Verdauungsprobleme. Langfristige Folgen können Nierenschäden und Herzkrankheiten sein.
Vor einer Woche war eine Frau zur Polizei gegangen, weil sie ihren 85 Jahre alten Vater völlig ausgetrocknet in einer Pflegeeinrichtung vorgefunden hatte, in der er vorübergehend untergebracht war. Der an Altersdemenz leidende Mann war in einem so schlimmen Zustand, dass er in ein Krankenhaus gebracht werden musste. Wenige Tage später starb er. In der anderen Einrichtung soll eine Altenheimbewohnerin in eine lebensbedrohliche Situation geraten sein, weil eine Wunde am Fuß nicht richtig versorgt wurde, obwohl der Arzt dies angewiesen hatte.
Werner Schell (70) aus Neuss, langjähriger Dozent an Pflegeschulen und Leiter der Selbsthilfevereinigung "Pro Pflege", hat sich gestern die Erfahrungen der Angehörigen pflegebedürftiger Senioren im Heim Giesenkirchen an Ort und Stelle schildern lassen. Sein Fazit: "Das ist ein Fall von außergewöhnlicher Dramatik, aber in Deutschland sicherlich nur die Spitze des Eisbergs." Gleich, wer der Träger ist, sei das Personal in allen Pflegeeinrichtungen in Deutschland überlastet. Zur fachgerechten Versorgung alter und kranker Menschen sei mindestens 20 Prozent mehr Personal nötig.
Schell hat sich mit den Vorgängen in den betroffenen Mönchengladbacher Caritas-Heimen intensiv auseinandergesetzt. "Natürlich wissen Pflegekräfte, dass alte Menschen ausreichend trinken müssen", sagt er. "Wenn in den Einrichtungen nicht professionell gearbeitet wird, ist das aber ein Führungsproblem."
Auch Michael Isfort, Professor am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung, sagt, dass ähnliche Missstände nicht nur in Mönchengladbach vorkommen. "Eine Untersuchung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen hat jedoch die Versorgung mit Flüssigkeiten fast in allen Heimen positiv bewertet."
Allerdings gebe es häufig Probleme, wenn alte Menschen die Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme verweigerten: "Weder kann man die Leute zwingen zu trinken, noch sie ohne ihre Zustimmung an eine Infusion hängen, so lange der Patient entscheidungsfähig ist." Überlastung könne jedoch nie ein Grund dafür sein, dass Menschen in Altenheimen an Dehydration litten: "So wenig Zeit hat niemand in einer Pflegeeinrichtung, dass er sich nicht darum kümmern könnte."
Die Caritas Mönchengladbach hat mittlerweile ein Fremdunternehmen zur Kontrolle der Altenheime eingestellt.
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