Mönchengladbach: Tschüss, END!
VON INGE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 05.09.2009Mönchengladbach (RPO). Wer sich bis jetzt noch nicht getraut hat, sollte es ganz schnell tun. Denn nur noch bis Sonntagabend ist es möglich, durch das große schwarze Loch in den 70 Meter langen Tunnel ins Museum Abteiberg zu klettern. Das END von Gregor Schneider wird ab Montag nach zehn Monaten abgebaut.
Einmal noch den Abteiberg hochgehen, einmal noch staunen und voller Begeisterung und Vorfreude aufblicken zum größten Kunstwerk, das je in Mönchengladbach zu sehen war. Einmal noch mit der Hand über die schwarze Außenhaut streichen, die sich an manchen Tagen anfühlt wie Samt, an anderen wie Granit. Und dann hochsteigen – über die eiserne Stiege hinein in das große schwarze Loch. Einmal noch durch Gregor Schneiders END gehen.
Sich vortasten durch absolute Finsternis, immer tiefer hinein in das totale Schwarz. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen, eine Hand zur Sicherheit immer an der Tunnelwand. Ohne diese Hilfe gerät das Gleichgewicht ins Wanken. Dabei ist der Boden fest und glatt, fällt allenfalls nach dem Knick nach etwa 25 Metern leicht ab. Sich freimachen von der animalischen Furcht, irgend etwas, irgend jemand könnte sich in den Weg stellen, etwas Schreckliches anrichten. Diese Mischung aus Grusel, Neugier, ja Stolz auf den eigenen Mut, die Überwindung der natürlichen Angst – das ist es. Das ist der ultimative Kunst-Kick.
Aufatmen dann, Erleichterung, wenn nach unendlichen 70 Metern ein schwacher Lichtschein das Ende der aufregenden Reise durch die Finsternis signalisiert. Kopf einziehen, durch die nur 1,20 Meter hohe Öffnung hinein ins Museum Abteiberg. Über die steile Feuerleiter hinab ins Haus U R, diese merkwürdig tristen Räume, die Gregor Schneider aus seinem Elternhaus an der Unterheydener Straße hierher brachte. Geschafft! Bravo!
20 000 Menschen aus Gladbach und der ganzen Welt haben sich in den vergangenen zehn Monaten getraut. Sie haben das dunkle END durchschritten. Haben sich ihrer Angst gestellt und sie überwunden. Mit einer einzigartigen Erfahrung, einem unvergesslichen Erlebnis wurden sie dafür belohnt.
Ab Montag wird das END abgebaut. Das wird ebenso profan aussehen wie der Aufbau, damals, im kalten November 2008. Als die Passanten sich verwundert die Augen rieben und fragten, was denn da im Herzen der Stadt passiert. Als dieses riesige, tonnenschwere Ding auf der grünen Wiese neben dem Museum exorbitante Ausmaße annahm und bis in 14 Meter Höhe emporwuchs. Eine Skihalle wird das, wurde gemutmaßt. Oder ein neues Parkhaus für die Innenstadt. Vielleicht auch ein Hochregal-Lager. Oder eine Bühne, womöglich für die Rolling Stones? Alles falsch, haben sie festgestellt. Ein Kunstwerk war's, von einem der renommiertesten deutschen Künstler, der hier mitten unter ihnen lebt und arbeitet.
Gregor Schneider hat seiner Heimatstadt etwas ganz Großes geschenkt: ein unvergleichliches Kunstwerk, weltweite Aufmerksamkeit, Heerscharen von Besuchern von werweißwoher. Und jedem einzelnen, der sich in und durch den Tunnel wagte, etwas völlig Neues, Unerwartetes, eine andere Sicht auf die Dinge an sich und das Museum im Besonderen. Vielleicht sogar auf die Stadt, die so etwas möglich macht. Das END wird fehlen. Es wird Gras wachsen an der Stelle, an der so viel geschah. Wir werden es vermissen. Tschüss, END!
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