Mönchengladbach: Unsere Lira
VON JENNIFER KOCH - zuletzt aktualisiert: 02.07.2011Mönchengladbach (RP). Sie sind bei allen Spielen im Stadion – als VIP-Gäste auf den Ehrentribünen. Trotzdem feiern die Bajramajs auch mit ihren Freunden und Verwandten im Garten in Giesenkirchen. Dort, wo Lira Bajramaj aufgewachsen ist, wo sie zuerst heimlich und dann – viel später – mit ihrem Vater Fußball spielte.
Das Mobiltelefon liegt auf dem Tisch des kleinen Cafés in Giesenkirchen, Ismet Bajramaj wirft immer mal wieder einen kurzen Blick darauf. Sie könnte ja noch einmal schreiben. Und tatsächlich: Irgendwann, man unterhält sich gerade über die Ankunft der Bajramajs in Deutschland, piepst das Telefon und eine Nachricht von Lira ist da. "Sie hat jetzt doch sechs Karten bekommen", sagt Ismet Bajramaj zu seiner Frau Ganimet. "Sie bemüht sich immer, für alle Karten zu kriegen", sagt Lira Bajramajs Mutter. "Sie vergisst niemals jemanden, denkt immer auch an ihre Brüder und andere Verwandte."
Wer den Eltern von Fatmire "Lira" Bajramaj in diesen Tagen begegnet, trifft einen stolzen Vater und eine begeisterte Mutter. Kritik an der Tochter? Perlt von den beiden ab. Auch, dass Lira trotz ihrer hervorragenden Leistungen in der Bundesliga jetzt nicht in der Startelf der Nationalauswahl steht, sehen die beiden gelassen. "Es war uns wichtig, dass sie nominiert wurde. Bei der Aufstellung geht es doch darum, was das Beste für die Mannschaft ist", sagt Vater Ismet.
Lira Bajramaj
Geboren am 1. April 1988 in Gjurakovc, damals Jugoslawien, heute Kosovo
Aufgewachsen nach der Flucht im Jahr 1993 in Giesenkirchen
Gespielt hat Fatmire "Lira" Bajramaj zunächst für den DJK/VfL Giesenkirchen, später für den FSC Mönchengladbach
Bundesliga Ihr Debüt gab sie 2004 für den FCR 2001 Duisburg. 2009 wechselte sie zu Turbine Potstam. Ende der Saison wechselte sie zum 1. FFC Frankfurt.
Er kennt sich aus, schließlich hat er selbst jahrelang Fußball gespielt. Das war damals im Kosovo. "Aber dort wurden Jugendliche nicht so gefördert wie hier", erzählt er. Trotzdem versteckte Lira ihr Talent lange Zeit vor ihren Eltern und spielte heimlich. Schon als Zehnjährige war sie der Star ihrer Schulmannschaft. Doch die Eltern hatten andere Pläne. "Lira hat wundervoll getanzt und gesungen", sagt Ganimet Bajramaj. "Wir haben uns vorgestellt, dass sie einmal Sängerin oder Tänzerin wird."
Fußball – das war etwas für die beiden Söhne, Flakron und Fatos. Der jüngere Flakron spielte selbst als Kind und Jugendlicher für die Borussia, hatte als 15-Jähriger sogar eine Einladung für ein DFB-Probetraining. "Aber er war verletzt, der Arzt hat abgeraten", erzählt die Mutter.
Heute ist das heimliche Fußballspiel der Tochter, das irgendwann aufflog, als die Eltern zu einem Spiel des Bruders gingen und Lira auf dem benachbarten Feld gerade mit ihrer Mannschaft gewann, vergessen. Damals hatte sie vier Tore geschossen. Da war auch Vater Ismet beeindruckt. Und unterstützte die Tochter fortan in ihrem Sport. "Sie hat in einer Jungenmannschaft gespielt. Wie sie mit den Jungs auf dem Platz umging, ohne Respekt, das hat uns beeindruckt."
Gefreut hat den Vater auch, dass die Tochter durch ihr Talent in Deutschland akzeptiert wurde. Denn die Familie hat harte Zeiten hinter sich: 1993, Lira war gerade fünf Jahre alt, flohen die Eltern mit ihren drei Kindern aus dem Kosovo. Quer durch Europa ging es, mit dem Ziel Deutschland. Endlich angekommen, wurden die Bajramajs in einem Flüchtlingslager in Remscheid untergebracht. In einem einzelnen Zimmer, obwohl man doch in der Heimat in einem großen Haus gelebt hatte. "Es war eine sehr unangenehme Zeit", sagt Ismet heute. Acht Monate mussten die fünf Bajramajs dort ausharren, bis Vater Ismet endlich Arbeit fand und die Familie nach Mönchengladbach holen konnte. In das Haus, das die Bajramajs zwei Jahre später kauften und in dem die Eltern noch heute leben.
Zur Weltmeisterschaft sitzen Vater und Mutter bei jedem Spiel der deutschen Mannschaft im Zuschauerraum. Und bei Lira in der Kabine ist der Glücksbringer, den ihre Mutter ihr geschenkt hat: eine Engelsfigur. "Das hat schon bei der Weltmeisterschaft in China Glück gebracht", sagt Ganimet Bajramaj. Höhepunkt ist das Spiel in Mönchengladbach am 5. Juli – da soll die ganze Familie zum Spiel gehen. Und bei den übrigen Begegnungen werden die Bajramajs Freunde und Bekannte einfach am Tag nach dem Spiel zum Feiern einladen. In den Garten, in dem auch Lira schon mit ihrem Vater gespielt hat. Der Arbeitgeber von Ismet Bajramaj unterstützt die Familie dabei. "Ich habe gar nicht gefragt, ob ich Urlaub haben kann. Die haben alles für mich geregelt", erzählt er. Jetzt hat er immer an den Spieltagen der deutschen Mannschaft und am Tag danach frei – um seine Tochter anfeuern und danach feiern zu können.
Und nach der WM? Da freut sich die Familie schon wieder auf das nächste Großereignis. Denn Sohn Flakron wird heiraten. In Gurjakovc, dem Heimatort im Kosovo. Auch Lira macht dann noch drei Tage Urlaub, bevor die Bundesliga wieder losgeht. "Manchmal haben wir schon Angst, dass das alles zuviel wird für sie", sagen die Eltern. Aber im Kosovo wird Lira vermutlich wie eine Heldin empfangen werden. "Die Medien dort schreiben auch sehr viel über sie", sagt Ganimet. "Und in unserem Heimatdorf weht schon seit zwei Monaten die Flagge der Fußball-WM."
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