Mönchengladbach: Vom Rock zu den Rübchen
VON CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 29.11.2008Mönchengladbach (RPO). Jürgen Dollase gilt als Kenner der gehobenen Küche, ist Restaurantkritiker und Autor zahlreicher Bücher über Kochen und Essen. Dabei begann seine Karriere in den 70er Jahren als Rockmusiker der Mönchengladbacher Band Wallenstein.
Jürgen Dollase bestellt zum fangfrischen Aal ein Glas Weißwein. Er schwenkt leicht das Glas, erschnuppert das Buket und nickt dann der Bedienung zu. Einer der bekanntesten Restaurantkritiker Deutschlands hat der Mitarbeiterin des Bistro „Rosenmeer“ die Auswahl des Weins überlassen. Das hat Methode. Ob ihm der Weißwein zusagt, ob er ihn für die richtige Begleitung zum Fisch in Kräutersauce erachtet, behält Jürgen Dollase für sich.
„Ich beschwere mich nie“, sagt der 60-Jährige. Sein Urteil können – wenn er nicht wie heute privat unterwegs ist – später alle nachlesen, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder im Magazin Feinschmecker. Jürgen Dollase lebt in Mönchengladbach. Für einen Kenner guten Essens ist die Stadt eine Wüste mit wenigen Oasen. „Erst in jüngster Zeit hat es sich etwas gebessert. Wein kann man hier aber gut kaufen“, sagt der Kritiker. Wenn ein neues Restaurant aufmacht, ist der Mann des guten Geschmacks neugierig. Rund 150 Restaurants besucht Jürgen Dollase im Jahr. An seiner Seite sind stets Ehefrau Bärbel und Hundedame Sophie. Darüber hinaus ist das Ehepaar kaum noch öffentlich unterwegs. Er schlägt auch prominente Einladungen nach Dubai oder New York aus. Als Experte in Fernseh-Kochschows zu sitzen – solche Angebote bekommt er regelmäßig – ist für ihn uninteressant. Jürgen Dollase macht den öffentlichen Zirkus nicht mit. Seine Popularität derart auszuleben, habe ihm immer fern gelegen – auch zu Wallensteins Zeiten.
Dollase schreibt lieber. „Man muss Herr über seinen Terminkalender bleiben“, sagt der Autor von zahlreichen Büchern, der seiner Profession mit einem wissenschaftlichen und künstlerischen Verständnis nachgeht. Das ist nicht unbedingt massentauglich. Bevor Jürgen Dollase als Spezialist für Kulinarisches bekannt wurde, war er als Musiker erfolgreich. Mit der Deutschrock-Gruppe Wallenstein hatte er Hits, auch international. Wallenstein galt als Mönchengladbacher Band. Anfang der 70er Jahre war Dollase in den Kneipen „Boutique“ und „Balderich“ unterwegs, auch in einem damaligen Café gegenüber der Marienschule. „Das war bei der Schulleitung berüchtigt und bei den Schülern beliebt“, erinnert er sich. Dort traf sich die Szene. „Die Atmosphäre war locker, es war die Hippiezeit“, ergänzt Bärbel Dollase.
Das Ehepaar blieb in Mönchengladbach wohnen, auch, als Jürgen Dollase die Musik hinter sich ließ, sich der Malerei widmete und schließlich sein Interesse für gutes Essen entdeckte. Das ging er ebenfalls mit Perfektion an. Und war erfolgreich.
Das Essen kommt. Die Dollases schauen auf die üppigen Portionen vor sich. „Eine redundante Menge“, murmelt Jürgen Dollase leise. Seine Frau drückt sich angesichts ihres Wiener Schnitzels klarer aus: „Wie soll ich das schaffen?“ Die nächsten Minuten sind Dollases Fisch gewidmet. Sacht drückt der Kritiker auf den Aal, prüft, ob er nicht zu stark gegart ist. Obwohl das Ehepaar die besten Restaurants Deutschlands und Europas besucht, gilt ihr Interesse auch der Gastronomieszene in Mönchengladbach. Als Wolfgang Eickes sein Palace St. George eröffnete, ging Dollase dort essen – beruflich. „Eickes macht sehr interessante regionale Sachen. Er hat ein Händchen dafür“, sagt der Fachmann. Davon wünscht er sich mehr, „mehr Mut für die regionale Küche“.
Wer jedoch in Mönchengladbach frische, hochwertige Lebensmittel einkaufen will, habe es schwer. „Rübchen im Winter zum Beispiel findet man kaum noch“, erklärt Dollase. Ein durchgehendes Angebot, unabhängig von den Wochenmärkten, gebe es nicht.
„Mönchengladbach wäre ein idealer Ort, um eine Markthalle zu bauen“, sagt Dollase. Und schlägt vor, die Bismarckstraße zu untertunneln, um ebenerdig Gemüse, Obst und Co. anzubieten. „Auch der Kapuzinerplatz oder der Rheydter Marktplatz wären ideal dafür“, sagt er. Doch in Mönchengladbach habe die Schicht der Menschen, die angeblich gutes Essen schätzen – der Mittelstand, das Bildungsbürgertum wie Lehrer und Juristen – keine Spuren hinterlassen. Das Resultat: Viele individuelle Geschäfte mit einem besonderen Angebot seien leider aus der Stadt verschwunden.
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