Mönchengladbach/Krefeld: Vorlesung im Wohnzimmer
VON GARNET MANECKE - zuletzt aktualisiert: 17.11.2009 - 17:22Mönchengladbach/Krefeld (RPO). Nach wie vor ist der Hörsaal V1 an der Hochschule Niederrhein von protestierenden Studenten besetzt. Mit Stehlampe, Herd und Kaffeemaschine haben sie aus der Bühne eine bunte Wohngemeinschaft gemacht. Mittendrin halten die Professoren ihre Vorlesungen und Seminare.
Die Stehlampe bringt ein bisschen biedere Gemütlichkeit in den Hörsaal. Ein Kontrast zu den fröhlich, bunten Streifen an den Wänden des Hörsaals V1 im Fachbereich Sozialwesen, der seit einer Woche von den Studenten besetzt wird. Auf der Bühne ist eine kleine Küche aufgebaut. Auf dem Ofen stehen Töpfe, die Kaffeemaschine blubbert und große Brötchentüten warten darauf, von hungrigen Studenten geleert zu werden, in Holzkörben lagert Gemüse und Obst.
Jacken und Mützen
Der Hörsaal ist zu einer bunten Wohngemeinschaft geworden. Und mittendrin, im Wohnzimmer, sitzt Professor Dieter Schüpp und hält unbeirrt seine Vorlesung. Er hat den Protest aufgegriffen und spricht über Jugendproteste und ihre Wahrnehmung in den Medien.
Studiengebühren Die Studenten fordern die Abschaffung der Studiengebühren. In Mönchengladbach sind das 500 Euro pro Semster.
Studium Das modulare Bachelor-System ist zu verschult. Die Studenten wollen mehr Flexibilität.
In der zweiten Woche des Protestes wird vor allem gearbeitet. Hinter dem Professor steht eine Garderobe, an der rote, gelbe und schwarze Jacken und Mützen hängen. Zwei Schritte daneben steht ein großer Tisch, an dem sieben Studenten sitzen. Die sieben frühstücken nicht, sie arbeiten. Aufgeklappte Laptops stehen vor ihnen, auf dem Tisch liegen Papiere ausgebreitet. Auch in den Stuhlreihen des Audimax sitzen ein wenig verstreut Wissbegierige, die den Ausführungen des Dozenten mehr oder weniger aufmerksam lauschen.
„Letzte Woche habe ich die Mauer draußen mitgebaut, Pappkartons geschleppt und das Ding tapeziert”, berichtet Alexandra Rippegather von den ersten Stunden des Protestes. Jetzt sitzt die 29-jährige Studentin der sozialen Arbeit mit vier Kommilitoninnen vor dem Hörsaal und lernt. Gleich ist ein Seminar, deswegen sind die fünf nicht zum großen Protestmarsch nach Düsseldorf gefahren.
„Wenn ich das Seminar nicht hätte, wäre ich ganz sicher nach Düsseldorf gefahren”, sagt Rippegather (29). Die anderen stimmen ihr zu. „Das Dumme ist, dass wir nie wissen, ob eine Vorlesung stattfindet oder nicht”, sagt Danika Kurth (23). Jeder Dozent kann selbst bestimmen, ob er die Vorlesung hält. Nur in einem sind sich alle Lehrenden offenbar einig: „Sie stellen uns frei, die Protestveranstaltungen zu besuchen.”, berichtet Kurth. „Die Anwesenheitspflicht wird von vielen im Moment nicht gefordert.”
Dennoch gehen die Studenten zu den Vorlesungen. „Wir verpassen ja sonst den Stoff, auch wenn wir die Skripte bekommen”, sagt Ira Froese (25). Das Studium soll letzten Endes nicht unter dem Protest leiden. Im Hörsaal ist Professor Schüppe gerade bei den Halbstarken-Demonstrationen in den 50er Jahren angelangt. Hinter seinem Rücken steht eine Studentin auf und holt sich einen Kaffee. Durch die geöffnete Tür weht ein frischer Windzug in den Hörsaal und vertreibt die dicke Luft der letzten Tage.
„Sehr viele Studenten haben sich darüber beschwert, dass sie das offene WG-Leben im Hörsaal gestört hat”, berichtet Kurth. „Dass sie sich während der Vorlesung im Hintergrund die Zähne geputzt oder noch geschlafen haben.” „Ich finde das nicht störend”, meint Maike Götz (19). Aber die Meinungen unter den Studenten zum Streik sind geteilt.
Pappmauer im Hof
Die mangelnde Diskussionsbereitschaft aus anderen Fachbereichen enttäuscht die Mädchen ein wenig. „Die Wirtschaftswissenschaftler sehen in uns so eine Art Hippies”, sagt Rippegather. „Dabei sind unsere Forderungen ja auch in ihrem Interesse.” Werke wie die Pappmauer im Hof sollten zur Diskussion anregen. „Eigentlich sollte das eine Klagemauer werden, an der jeder Student seine Meinung sagen sollte”, sagt Rippegather. Stattdessen gebe es heftige Auseinandersetzungen im Internetportal StudiVZ.
Professor Schüpp spricht die letzten Sätze seiner Vorlesung. Es ist Mittagszeit. Auch in der WG auf der Bühne knurren die Mägen. Zeit für ein Brötchen und eine Tasse Kaffee. Das nächste Seminar beginnt gleich. Auch während des Protestes wird gearbeitet.
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