Mönchengladbach: Wanlo 21 ist ein Störsignal
zuletzt aktualisiert: 14.02.2011Mönchengladbach (RPO). IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Dieter Porschen spricht über die Signalwirkung der Diskussion um die Biogasanlage, neue Formen der Bürgerbeteiligung und Unternehmer mit Herz für ihre Heimat.
Wie wirkt die Diskussion um die Biogas-Anlage auf die Unternehmer der Region?
Dr. Dieter Porschen Unternehmer fragen sich bei Projekten: Werde ich morgen schlauer? Falls nein, entscheiden sie heute. Bei der Biogasanlage liegen alle Fakten auf dem Tisch. Alternativen sind geprüft, die Bürger beteiligt worden. Das Verfahren ist offensichtlich rechtens. Darum ist es für die Politiker an der Zeit, sich zu entscheiden. Rasch und ohne langes Taktieren.
Nun ist eine Biogasanlage von Hause aus nicht das Thema der Industrie- und Handelskammer. Hat die Debatte aus Ihrer Sicht Symbolcharakter?
Dr. Dieter Porschen
Geboren 1951 in Bonn
Familie Verheiratet, keine Kinder.
Abitur 1969 in Jülich
Studium Universität Münster, Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Hamburg
Stationen 1985-1989 Geschäftsführer Handelskammer Bremen, ab 1989 deren Syndikus. Seit 1995 Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein.
Porschen Absolut. Wanlo 21 ist ein Störsignal an Investoren. Es sendet die Botschaft: Die Interessen der Betroffenen sind so wichtig, dass sie am Ende allein ausschlaggebend sein können. Und das ist fatal. Deutschland hat als Standort den immensen Vorteil einer guten Infrastruktur und einer produktiven Industrie. Wenn wir das in Frage stellen, gibt es keine Argumente mehr, warum ein gut ausgebildeter Deutsche mehr verdient als ein gut ausgebildeter Pole.
Wo verläuft denn die Konfliktlinie: zwischen Industrie und Bürgern oder zwischen Industrie und Politik?
Porschen Es ist völlig richtig, dass die Bürger gehört und informiert werden. Und es ist auch richtig, dass die alten Kanäle, über die man Bürger informiert, nicht mehr ausreichen. Die öffentlichen Verfahren dauern viel zu lange. Manchmal kann sich der einzelne Bürger kaum noch erinnern, was genau er vor zehn Jahren bemängelt hat und was aus seinem Einwand am Ende geworden ist. Der Bürger muss einen Einfluss viel unmittelbarer spüren.
Heißt das, dass sich auch die Industrie auf die veränderten Bedürfnisse der Bürger einzustellen hat?
Porschen Selbstverständlich. Die Bürger sind heute gut informiert und hervorragend vernetzt. Da müssen wir selbstkritisch konstatieren: Wir brauchen auch als Unternehmen bei Projekten, die wir planen, ganz andere Formen der Kommunikation. Das erleben wir übrigens derzeit an einigen Stellen, zum Beispiel beim Kohlekraftwerk in Krefeld.
Wie sieht denn diese neue Form der Kommunikation aus?
Porschen Wir haben als Industrie- und Handelskammer am Niederrhein "Allianzen der Industrie" gegründet. Durch gezielte Information in Broschüren oder auch bei Nachbarschaftstreffen wollen wir das Bewusstsein für das wecken, was die Unternehmen unserer Region konkret leisten. In Deutschland ist die Industrie doppelt so stark wie in Großbritannien und Frankreich. Das ist ein immenser Erfolg – und nicht etwa ein Problem. In Dormagen und Krefeld, wo es Großprojekte gibt, laufen diese Allianzen mit großem Erfolg. Wir wollen sie sukzessive ausdehnen, eben auch nach Mönchengladbach.
Bei dem Masterplan, den Unternehmer mit initiieren, legen Sie ausdrücklich Wert auf Beteiligung der Bürger.
Porschen Ja, das erwarten viele üblicherweise nicht von einer Industrie- und Handelskammer. Aber Stadtplanung ist unserer Überzeugung nach originär ein Thema, bei dem die Bürger mitmachen müssen. Es geht ja um ihre Stadt. Erfolg wird dieser Masterplan-Prozess haben, wenn Politik, Bürger und Unternehmer ihn gemeinsam umsetzen.
Erfolgreich ist der Prozess schon jetzt, zumindest, wenn man sich das Sponsoring aus dem Kreis der Unternehmer ansieht.
Porschen Allerdings. Wobei man sagen muss, dass wir erst richtig glücklich sind, wenn jetzt aus allen eingegangenen mündlichen Zusagen schriftliche werden. Aber da vertrauen wir unseren Mitgliedern. Wir werden am Ende fast so viel Geld von den Mönchengladbacher Unternehmern bekommen wie die Kölner für ihren Masterplan. Köln hat aber ein fünfmal so hohes Gewerbesteueraufkommen. Das ist schon sensationell und zeigt: Die mittelständischen Unternehmer sind auch hier zu Hause und wollen auf ihre Heimat stolz sein können.
Diese regionale Identität mahnen Sie auch an anderer Stelle an. Sie haben Sorge, dass die öffentliche Hand den Ausbau der Infrastruktur vernachlässigt. Warum?
Porschen Es gibt ein aktuelles Beispiel, das auch Mönchengladbach betrifft. Die U 81 soll Krefeld und den Düsseldorfer Flughafen sowie Neuss miteinander verbinden. Im ersten Schritt hat Gladbach keinen unmittelbaren Nutzen. Der wird sich aber für den Norden der Stadt ergeben, wenn die Regio-Bahn von Mettmann nach Venlo ausgebaut wird und beide neuen Trassen verbunden sind. Infrastruktur-Projekte muss man immer über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachten. Bis dahin ist die Region Niederrhein noch viel stärker zusammengewachsen als heute. Zudem wissen die Mönchengladbacher aus schmerzlicher Erfahrung, wie wichtig regionale Zusammenarbeit ist. Wenn die Region zusammengestanden hätte, wäre der Ausbau des Flughafens nicht gescheitert.
An anderer Stelle geht Ihnen die regionale Identität aber zu weit, nämlich beim Vorhaben der Landesregierung, ein Klimaschutzgesetz für NRW zu verabschieden.
Porschen Das hat allerdings auch überhaupt nichts mit regionaler Identität zu tun. Klimaschutz ist eine Aufgabe von mindestens europäischer Dimension. Darum ist es falsch, wenn in diesem Bereich jede Region ihre eigene Regeln erlässt. Zumal die Energiepolitik bisher stets folgenden Dreiklang verankerte: Energie muss preiswert, sicher und umweltverträglich sein. Wenn das Land jetzt ausschließlich die Umweltverträglichkeit betont, werden das Bürger und Unternehmen beim Preis zu spüren bekommen.
Ralf Jüngermann führte das Gespräch.
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