Mönchengladbach: Warum machen Schüler blau?
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 09.02.2010Mönchengladbach (RPO). Rund 300 Kinder und Jugendliche in der Stadt gelten als Schulverweigerer. Woran liegt es, dass Schüler oft monatelang den Unterricht schwänzen? In einer Studie der Hochschule soll nach Ursachen geforscht werden.
Bevor die junge Frau in Paul Kylaus Klasse kam, hatte sie mit Schule nicht viel am Hut. Zwei Jahre lang schwänzte sie den Unterricht. Groß aufgefallen ist das nicht. "Manchmal brachte sie ärztliche Atteste, und wenn es gar nicht mehr ging, wechselte sie die Schule", sagt Kylau. Der Pädagoge befasst sich im Projekt "Comeback" mit schulmüden Jugendlichen. Wer vorher durch notorisches Blaumachen aufgefallen ist, bekommt hier noch eine Chance. Comeback ist ein erfolgreiches Projekt. 70 Prozent und mehr schaffen es, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen.
Alle Schulen angeschrieben
Strafen fürs Schwänzen
Schulzuführungen 107-mal musste der Kommunale Ordnungsdienst im vergangenen Jahr einschreiten und Schulschwänzer bei den Lehrern abliefern.
Bußgelder gegen Eltern Im vergangenen Jahr gab es 38.
Bußgelder gegen Schüler 56 sollten zahlen. In 54 Fällen wurde das Bußgeld vom Gericht in Arbeitsauflagen umgewandelt.
Aber Comeback bietet jährlich nur Platz für zehn bis 15 Schüler. Zu wenig. Denn in der Stadt gelten 300 Kinder und Jugendliche als Schulverweigerer. Woran liegt es, dass schon Zwölfjährige monatelang die Schule schwänzen? Der Lions-Club Mönchengladbach, der das Projekt für schulmüde Jugendliche schon lange unterstützt, will es genau wissen. Mit Spenden, die alle Serviceclubs der Stadt zusammengetragen haben, wird eine Studie der Hochschule Niederrhein finanziert.
Dafür wurden bereits alle weiterführenden Schulen der Stadt angeschrieben. Etwa 15 haben ihre Teilnahme schon zugesagt, berichtet Professor Michael Borg-Laufs, Dozent an der Hochschule Niederrhein. Der Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut kennt mögliche Gründe für das Schulschwänzen: "Bei den kleineren Schülern können Trennungsängste die Ursache sein. Sie fürchten, dass zu Hause etwas schlimmes passierten könnte, während sie nicht da sind. Mobbing und Versagensängste spielen auch eine Rolle."
Mit einer anonymisierten Fragebogenaktion bei Eltern von Schulverweigerern soll nun eine genaue Ursachenforschung betrieben werden. Abgefragt werden zum Beispiel der Umgang in der Familie (Sehen die Eltern ihr Kind vor der Schule, also stehen sie mit ihm auf?), die Schulabschlüsse der Eltern, der Stellenwert der Schule und vieles mehr. Borg-Laufs und seine Studenten wollen zügig arbeiten und schon im Frühsommer erste Ergebnisse präsentieren.
Die Mitglieder des Lion-Clubs hoffen, dass sich aus gesammelten, kontrollierbaren Daten Ansätze für erfolgreiche Präventionsarbeit ziehen lassen. Die müsse unter umständen schon sehr früh ansetzen, sagt Professor Hans Dieter Jakubowski von den Lions. Borg-Laufs weiß, dass Kinder, die schon in der dritten Klasse notorisch blau machen, eine sehr ungünstige Prognose für ihr weiteres Leben haben. Die zwei zwölf und 13 Jahre alten Rädelsführer der Speicker Kinderbande, die vor drei Jahren eine altersverwirrte Frau über Wochen quälten, zählten auch zu notorischen Schulschwänzern. Sie landeten im Heim. Kosten pro Monat: 3500 bis 4000 Euro. "Auch aus wirtschaftlichen Aspekten sollte also nach Hilfsmöglichkeiten für Schulverweigerer gesucht werden", finden Klauspeter Diller von den Lions und David Reinhaus von den Leos, der auch im Förderverein von Comeback ist.
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