Mönchengladbach: "Wat wird denn da jedreht?"
VON BARBARA GROFE - zuletzt aktualisiert: 24.07.2008Mönchengladbach (RPO). Der Junge im Rollstuhl heizt den Berg hinunter, fährt gegen die Treppe und kippt um – diese Szene des Films „Vorstadtkrokodile“ wurde gestern am Theatervorplatz gedreht. Ohne Semmelrogge und Killerpilz – dafür mit Stuntman.
Die Frau mit der blaugetönten Sonnenbrille reckt ihren Hals und versucht verzweifelt, ein bisschen mehr zu sehen von dem, was da auf dem Theatervorplatz passiert. „Wat wird denn da gedreht?“, fragt sie den jungen Mann mit der neongelben Warnweste. „Vorstadtkrokodile“, sagt der. Und schiebt schnell „das ist ein Kinderbuch und wird jetzt wieder verfilmt“, hinterher, weil die Frau so ratlos guckt. Wieder, weil es vor mehr als 20 Jahren schon einmal einen Film zu den „Vorstadtkrokodilen“ gegeben hat.
Das Buch von Max von Grün handelt von Kurt, einem Jungen im Rollstuhl, der wegen seiner Behinderung nicht von den „Vorstadtkrokodilen“, einer Bande in Dortmund, aufgenommen wird. In dem aktuellen Film heißt Kurt Kai, Dortmund wird kurzfristig zu Mönchengladbach – hier werden Teile des Kinofilms gedreht.
Der Drehort am oberen Ende der Hindenburgstraße ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, dahinter steht längst nicht nur die Frau mit der getönten Sonnenbrille. Kleine Mädchen, sorgfältig geschminkt und extra schick angezogen, warten auf Fabian Halbig, Schlagzeuger der Band „Killerpilze“. Zu sehen ist der 14-Jährige allerdings nicht an diesem späten Vormittag. Denn die Figur „Kai“ wird in dieser Szene von einem Jungen gespielt, der auch in Wirklichkeit im Rollstuhl sitzt. Zu riskant ist der Stunt für Schauspieler, die sich das Rollstuhlfahren nur für einen Film beigebracht haben. Schließlich soll Kai den Hügel hinunterrollen, über eine Rampe auf eine kleine Bühne fahren, hinten wieder herunterspringen und an der Treppe des Theatervorplatzes umkippen.
Mehrere Male wird die Szene gedreht, mehrere Male fällt die Klappe, ruft der Regisseur „Achtung, und bitte“. Dazwischen heißt es für die Blaugetönte und die Kleine warten – darauf, dass es irgendwann weitergeht. Warten und in regelmäßigen Abständen den Platz wechseln. Immer wieder hängt der junge Mann mit der Warnweste das Flatterband um, immer wieder müssen er und seine Kollegen die Zuschauer ein Stück nach rechts oder links dirigieren. Täten sie das nicht, wären die Zuschauer womöglich im Bild, vielleicht würde auch der Stunt-Rollstuhlfahrer in sie hineinfahren. Geduldig machen die Zuschauer mit.
Kurz bevor die Kamera läuft, wird es laut, Menschen rufen, dirigieren Statisten, Darsteller und Kameraleute über den Theatervorplatz, tönen Stimmen aus kleinen Walkie-Talkies. Dann wird es ruhig – wenigstens soll es das. Die beiden Punks, die an der Ampel direkt gegenüber des Platzes sitzen, haben ihre Musik aufgedreht und gröhlen fröhlich vor sich hin. Doch auch sie werden ruhig, nachdem ein Mitglied des Filmteams sie bittet, den Ghettoblaster leiser zu stellen.
Wieder heizt der Stuntdarsteller mit dem Rollstuhl den Berg hinunter, wieder springt er und kippt dann um – die Zuschauer jenseits und die Mitarbeiter diesseits des Flatterbands klatschen. Auch die Dame mit der blauen Sonnenbrille.
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