Mönchengladbach: Wenn der sichere Raum zerstört ist
zuletzt aktualisiert: 13.03.2009Mönchengladbach (RPO). Regionaldekan Ulrich Clancett erzählt im Interview, wie er nach einer Geiselnahme in einer Schule half.
Geschockte Schüler und Lehrer – das hat Regionaldekan Ulrich Clancett erlebt, als im Februar 2002 ein 17-Jähriger in der Hauptschule Hochneukirch Mitschüler mit Messern bedrohte und vier Stunden lang zu Geiseln machte. Der Jüchener Pfarrer war damals sofort zur Stelle – als Seelsorger und Gesprächspartner.
Was sagt man in einem solchen Moment zu einem Schüler?
Clancett Ich habe sie einfach erzählen lassen, ihre ganz persönliche Geschichte, wie sie die Ereignisse erlebt haben. Man muss in einem solchen Moment nicht unbedingt viel sagen. Es geht mehr darum, überhaupt da zu sein. Da kann man auch nicht groß mit Psychokonzepten kommen. Mitunter geht es auch nur darum, gemeinsam zu schweigen und die Situation gemeinsam auszuhalten. Und ich habe damals versucht, den Schülern und Lehrern zu helfen, in eine alltägliche Situation zurückzukommen, sie daran zu erinnern, dass das Leben weitergeht.
Das klingt etwas hart.
Clancett Das kann man natürlich nur in ganz behutsamen Schritten machen, es vielleicht erst einmal nur in Gedankenblitzen anklingen lassen. Wenn aber man in dem Trauma verharrt und wenn man als Seelsorger nicht auch sagt: Ich gehe den Weg zusammen mit dir weiter, hilft man auch nicht wirklich.
Was hilft aus einer solchen traumatischen Situation heraus?
Clancett Da kann schon ein Ortswechsel gut tun: Man geht raus aus der Schule, die plötzlich nicht mehr als sicherer Raum empfunden wird, und versucht andere geschützte Räume zu zeigen – das familiäre Umfeld zum Beispiel. Unter dem Trauma, dass der sichere Schutzraum Schule zerstört ist, leiden auch die Lehrer. Solche Sicherheiten zu zerstören, ist übrigens auch eine Strategie, mit der Terrorismus arbeitet.
Haben Sie eine besondere Ausbildung für solche Fälle bekommen oder vertrauen Sie auf ihre allgemeine Ausbildung zum Seelsorger?
Clancett Eine regelrechte Ausbildung als Notfallseelsorger habe ich nicht. Das wächst mit der Erfahrung. In einem solchen Fall, blicke ich nach oben und sage mir: Was mich erwartet und was passieren wird, weiß ich nicht – aber ich gehe da jetzt einfach hin. Und in solchen Fällen mache ich auch wieder die Erfahrung, was meine eigentliche Profession als Seelsorger ist: Nicht mich mit Verwaltungsfragen herumzuschlagen, sondern bei den Menschen zu sein und ihnen zu helfen.
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