Taubenhütte: Wie im Taubenschlag
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 23.05.2009Taubenhütte (RPO). Und samstags wird das Dorf gefegt: Wie die genau 90 Einwohner des niedlichen Giesenkirchener Dörfchens Taubenhütte es schaffen, sich mitten auf dem behaglichen Land ein schönes Leben zu machen.
Taubenhütte Klaus Boß stellt seinen Instrumentenkoffer mit der Trompete darin zwischen zwei Kühltaschen ab. Der alte Wagen unter ihm ruckelt, als Boß von der Ladefläche zurück auf die schmale Straße hüpft. Ein paar Pferde reiten vorbei. "Taubenhütte liegt so malerisch", findet Klaus Boß. Und das wollen er und seine Freunde aus dem Dorf an diesem Tag genießen. Am Vatertag. Im Traktoranhänger fährt sie Walter Schovenberg durch die Gegend, die Herrschaften auf der Ladefläche befeuchten ihre Kehlen und spielen ihre Polka. An praktisch jeder Raststätte wird gehalten und eine Nummer zum Besten gegeben, als Gegenleistung für ein kühles Bier. Dann geht's weiter, bis die Herrschaften abends zum Vatertag wieder feststellen, dass das Dorf erstaunlicherweise noch da ist.
Ein ausgeschlafenes Nest
Ein Traktor ist in Taubenhütte ein ziemlich probates Verkehrsmittel. Einen Linienbus gibt es nämlich nicht. Das heißt: Es fährt schon einer, zumindest in der Nähe von Taubenhütte. Ganze dreimal am Tag. "Einmal ganz früh morgens, wenn man noch schläft", sagt Norbert Ratzner. "Der zweite fährt während des Mittagsschläfchens. Und der dritte so spät abends, da liegen die älteren Leute schon wieder im Bett." Dass Taubenhütte offensichtlich ein ausgeschlafenes Nest ist, versteht sich von selbst. Schließlich liegt das Haus Horst in unmittelbarer Nachbarschaft – eine Schlafklinik.
Ohne dieses Haus Horst gäbe es heute vermutlich kein Taubenhütte. Die paar Häuser liegen direkt am Waldrand im Landschaftsschutzgebiet. Praktisch alle Dörfer zwischen Giesenkirchen und Liedberg sind durch die Entwicklung des aus dem 12. Jahrhundert stammenden Schlosses Haus Horst entstanden. Noch heute nennt sich der Schützenzug der St. Josef Bruderschaft Schelsen, in dem die Dorfleute sich zusammengeschlossen haben, Hüeschter, zu deutsch: Horster. Das ist die Gruppe, die zu Vatertag auf die Pauke haut. Dafür haben fast alle Mitglieder ein Instrument erstmal lernen müssen. "Früher haben wir freitags abends Sport getrieben. Aber mit dem Alter wurde uns das zu gefährlich für die Knochen", sagt Klaus Boß.
Auch seinen Namen verdankt Taubenhütte vermutlich Haus Horst. Klaus Boß erinnert sich an den Unterricht in der Volksschule: "Uns wurde beigebracht, dass in unserem Dorf die Tauben für das Schloss gezüchtet wurden", erinnert sich Boß. Und ein Schlossherr braucht Tauben nur zu zweierlei Dingen: Zum Essen oder als Brieftaube. Taubenhütte war nach dieser Überlieferung also tatsächlich ein Taubenschlag.
Und genauso geht es da auch heute noch zu. Nicht, dass man in Taubenhütte noch heute per Brieftaube mit dem fernen Giesenkirchen kommunizieren würde. Das erledigt mittlerweile ein Briefträger, der jeden der 90 Dorfbewohner in den 35 Häusern beim Namen kennt. Aber: Der Empfangsbalken eines Mobiltelefons nähert sich verdächtig der Null, je weiter man ins Dorf hineinfährt.
Ansonsten ist Taubenhütte jedoch ein ziemlich aufgewecktes Dörfchen. "Es gibt nix schöneres, als in Taubenhütte zu wohnen. Wenn man ein Auto hat", sagt Norbert Ratzner. "Wer keins hat, wird eben mitgenommen." Das Dorf grenzt direkt an den Wald Hoppbruch, ist also Ausflugsziel. Es gibt einen Schreiner, ein Spezialgeschäft für handgeschnitzte Nussknacker aus dem Erzgebirge – das war's. Und trotzdem ist irgendwie immer etwas los in Taubenhütte.
Und dafür verantwortlich ist die gute Nachbarschaft, sagt Klaus Boß. "Samstags treffen wir uns zum Straßenkehren", sagt er. Denn bis jetzt hat es keine städtische Kehrmaschine bis nach Taubenhütte geschafft. Zu St. Martin ziehen die Kinder (es sind derzeit weniger als zehn) von Haus zu Haus, begleitet von den Eltern. Da gibt es ein Schnäpschen, und anschließend treffen sich alle wieder zum Glühweintrinken und Spendensammeln. Denn dann soll ja das Geld für das nächste Grillfest zusammen kommen. Auf dem Dorf, da muss man eben zusammenhalten.
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