Gladbacher Momente: "Wir sind Deutscher Meister"
VON O. E. SCHÜTZ - zuletzt aktualisiert: 30.07.2011Mönchengladbach (RP). Borussia hatte sich längst in die Bundesliga und die Herzen ihrer Fans gespielt. Am 30. April 1970 dann brach sie dazu auf, den Ruf der "Fohlenelf" weit über das Land hinaus in die Welt zu tragen: Sie wurde erstmals Deutscher Meister. "Der Deutsche Fußball-Bund ist stolz auf sie", sagte dessen Präsident Gösmann. Und die ganze Stadt war es erst recht.
Sein langgezogenes "Tooor für die Borussia" ist immer noch Kult im Borussen-Stadion, tausendfach gehört, einst im Originalton, heute aus der Konserve. Doch es ist ein anderer Satz, der Rolf Göttel Schauer ohne Ende über den Rücken jagte, als er ihn ins Mikrofon rief: "Deutscher Fußballmeister 1970 ist ... Borussia Mönchengladbach."
Es war eine historische Stunde nicht nur für Borussia und ihren Stadionsprecher, sondern auch für die Stadt, die Region und für damals schon Hunderttausende Fans in ganz Deutschland. "Es war etwas so Schönes und Herrliches, dass ich es gar nicht wiedergeben kann", sagt der 67-Jährige mit immer noch strahlenden Augen. Und er weiß noch haargenau "wie ich vorher immer nervöser geworden bin und immer mehr gezittert habe".
Es war punkt 21.46 Uhr an diesem Donnerstagabend des 30. April 1970, als in den Eickener Kirchtürmen von St. Elisabeth und St. Mariä Rosenkranz Festtagsgeläut einsetzte und am Bökelberg Rolf Göttel verkündete: "Deutscher Fußballmeisters 1970 ist Borussia Mönchengladbach."
Der Kader 1969/70
Tor Wolfgang Kleff (34 Bundesliga-Einsätze), Volker Danner (1)
Abwehr Berti Vogts (34), Ludwig Müller (33), Klaus-Dieter Sieloff (33), Hartwig Bleidick (28), Gerd Zimmermann (6), Erwin Spinnler (2), Heinz Koch (0), Heinz Wittmann (0)
Mittelfeld Peter Dietrich (33), Günter Netzer (29), Winfried Schäfer (26)
Angriff Horst Köppel (34), Herbert Laumen (34), Herbert Wimmer (30), Ulrik le Fevre (29), Werner Kaiser (10), Peter Kracke (2), Peter Meyer (1)
Trainer Hennes Weisweiler, Rudi Schlott
Bert Gerkens, ein Kind der Gladbacher Altstadt, war genau an diesem 30. April 1970 zurückgekehrt in seine Heimat nach zehn Jahren in der Fremde. "Wir haben in Gerkerath noch die Umzugskisten ausgepackt, dabei aber das Radio auf volle Lautstärke gestellt, damit wir nur ja nichts verpassten", sagt der 71-Jährige.
Gerkens ist heute Präsident des Stadtsportbundes und weiß, welche Bedeutung Borussia für die Stadt bekam: "Ich war damals zehn Jahre beruflich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewesen. Durch den DFB-Pokalsieg 1960 waren die Namen Borussia und Gladbach fernab vom Niederrhein schon geläufiger geworden. Mit dem Bundesliga-Aufstieg, dem Begriff Fohlenelf und erst recht mit dem ersten Meistertitel wurde man als Gladbacher immer öfter auf Borussia angesprochen. Das erleichterte geschäftliche Kontakte und tut es heute immer noch."
Was dann an diesem 30. April 1970 am Bökelberg folgte, kennt Radiohörer Bert Gerkens vielfach aus Berichtern und Erzählungen. Es war wie Karneval und Kirmes zusammen – oder mehr. Tausende Borussenfans mit Hunderten schwarz-weißen Fahnen stürmten das Spielfeld. Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme, suchten die Spieler zu berühren, zu umarmen, zu küssen.
Es war eine Stimmung, wie es sie selbst beim triumphalen Bundesliga-Aufstieg der "Fohlen" fünf Jahre zuvor nicht gegeben hatte. In diesen Minuten entlud sich bei Mannschaft und Fans die Anspannung der vorangegangenen Wochen, die in den letzten Minuten dieses Spiels noch einmal auf die Spitze getrieben worden war. In einer Partie, die kein Borusse, kein Fan, der dabei war, je vergessen wird.
In drei Spielen hintereinander hatte Borussia zuvor die Chance verpasst, vorzeitig ihren ersten Titelgewinn zu sichern: 0:1 beim FC Bayern verloren, 0:1 in Hannover und 0:1 bei Rot-Weiß Essen. Doch dann, am vorletzten Spieltag, wurden die aufkommenden Zweifel beseitigt. Das 4:3 gegen den Hamburger SV machte alles klar. Dem FC Bayern nutzte sein gleichzeitiger 6:2-Sieg gegen Rot-Weiß Oberhausen nichts mehr.
Donnerstag, der 30. April 1970: Das war der Tag, an dem Borussia Mönchengladbach endgültig dazu aufbrach, den Ruf der "Fohlenelf" weit über Deutschland hinaus in die Welt zu tragen. Es war der Abend, an dem Dr. Hermann Gösmann, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, sagte: "Der DFB ist stolz darauf, einen so würdigen Meister zu haben." Und an dem der Satz des legendären deutschen Weltmeister-Trainers von 1954, Sepp Herberger, zur Borussia die Runde machte: "Eine solche Mannschaft habe ich mir seit 20 Jahren gewünscht."
Um ein Haar wäre dies allerdings noch schief gegangen – obwohl es nach 47 Minuten und Toren von Herbert Laumen, Horst Köppel, Berti Vogts und Hartwig Bleidick 4:0 hieß. "Doch als die plötzlich erwachten Hamburger auf 2:4 verkürzt hatten, stand der Hennes an der Seitenlinie, schrie und signalisierte, dass die Abwehrspieler hinten bleiben sollten", schildert "Hacki" Wimmer die Reaktion des Meistertrainers Hennes Weisweiler. "Aber erst als es in der 85. Minute nur noch 4:3 stand, "bekamen wir ein bisschen Bammel und haben versucht, den Ball in den eigenen Reihen zu halten."
So wurde der knapp gewordene Vorsprung über die Zeit gerettet, bis die Uhr der gleich neben dem Stadion gelegenen Elisabeth-Kirche auf 21.46 Uhr stand, mit dem Schlusspfiff die Glocken zu läuten begannen – und der Bökelberg außer Rand und Band geriet. Die ganze Stadt war so stolz: "Wir sind Deutscher Meister."
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