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Mönchengladbach: Wir sind die Kreuzchen-Verweigerer

VON SEMIHA ÜNLÜ - zuletzt aktualisiert: 09.05.2010 - 19:01

Mönchengladbach (RPO). Den Gang zum Wahllokal sparte sich gestern fast jeder zweite Mönchengladbacher. So auch Künstler Rainer Käsmacher, Studentin Alexandra Heitmüller, Bestückerin Irena Grabarz und Werbekauffrau Ayten D.* Sie sind sich einig, gute und ehrliche Gründe für das Nicht-Wählen zu haben.

DER RANDSTÄNDIGE An seine erste Wahlbenachrichtigung erinnert sich Rainer Käsmacher noch sehr genau. „Das war für mich damals sehr aufregend. Ich las sehr viel Zeitung, um mich über die Parteien und ihre Programme zu informieren.“ In der Stadtbücherei lieh er sich sogar Fachliteratur zum Thema Wahlen aus: „Mir war es wichtig, gut informiert mein Kreuzchen zu machen.“ Das ist nun 37 Jahre her. Seit seinem ersten Kreuz auf einem Wahlzettel hat sich das politische Denken und Handeln vom ehemaligen Autoverkäufer und nun Künstler so weit verändert, dass er den Brief mit der Wahlbenachrichtigung sofort in den Papierkorb wirft. „Viele Jahre habe ich versucht, etwas zu verändern. Ich war Ende der 60er zwar kein Pflastersteinwerfer, aber ich habe an sehr vielen Demonstrationen teilgenommen. Ich habe ehrlich daran geglaubt, die Welt etwas besser machen zu können. Doch am Ende konnte ich nicht einen Millimeter bewegen.“

Bei der Bundestagswahl 1998 ging er zum letzten Wahl zum Wahllokal. „Der ganze Wahlkampf damals hat mich damals sehr geärgert: Plötzlich sollte alles schwarz sein, was vorher noch weiß war. Damals und auch heute geht es den Politikern doch nur um sich selbst.“ Einen politischen Hoffnungsträger wie US-Präsident Barack Obama wünscht sich der 55 Jahre alte Künstler: „Der hat noch ein politisches Konzept, das aus dem Herzen kommt und das alle mitreißt. Und er ist sozialer, man denke nur an die Krankenversicherung für alle, für die er sich von Anfang an eingesetzt hat.“ Doch ein politisches Thema, das alle Deutsche betreffe und auch vereinige, gebe es nicht. Den Gang zum Wahllokal ersparte er sich daher und besuchte lieber seine Mutter: „Das ist meine Art zu sagen, dass ich mit all dem nicht einverstanden bin.“

DIE ENTTÄUSCHTE ARBEITERIN Es sind 800 Euro, die Irena Grabarz am Ende des Monats auf ihrem Konto hat. „Können Sie sich das vorstellen, für so wenig Geld jeden Tag arbeiten zu gehen? Jeden Tag von sechs bis 14.30 Uhr zu arbeiten?“ Die 58-Jährige, die als Bestückerin für eine Zeitarbeitsfirma arbeitet, ist die Tochter einer Spätaussiedlerin. „Ich spreche besser Polnisch als Deutsch und deswegen konnte ich trotz meiner Ausbildung zur Kauffrau nach meinem Umzug hierher keinen guten Job finden.“ An der ihrer Meinung nach desolaten Situation seien die Politiker schuld: „Die interessieren sich doch gar nicht für den kleine Mann. Warum sollte ich also wählen gehen.“ Wenn eine Partei sich den Mindestlohn auf die Fahne schreiben würde, würde die Mutter von zwei Kindern auch von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.

Doch bis dahin will sie ihre Stimme für keine Partei erheben. „Ich komme ohne Hilfe vom Amt nicht über die Runden, obwohl ich einen Vollzeitjob habe. Und meine beiden Kinder, die mit Mühe und Not ihr Studium finanzieren, müssen mir sogar noch helfen. Ich habe daher entschieden, kein Kreuz vorzutäuschen. Es wäre schließlich nicht ehrlich gemeint.“

DIE INDIVIDUALISTIN Die Zeit zwischen Hochschule und Nebenjob ist knapp. „Zu knapp, um mich mit der komplizierten Politik auseinanderzusetzen“, sagt Alexandra Heitmüller. Die 22 Jahre alte Studentin der Bekleidunstechnik an der Hochschule Niederrhein will erst mal versuchen, ihr eigenes Leben in geordnete Bahnen zu bringen. Studium und Job: Das sei ihr wichtig. „Und die Politik betrifft mich doch gar nicht. Ich zahle nicht mal Steuern.“ Das Kreuz auf dem Wahlschein erübrige sich daher. „Ich bin nicht gut genug informiert, um zu wählen. Anderen Menschen gegenüber, die ihr Kreuz gut gedacht setzen, wäre das doch sehr unfair.“

DIE IDENTITÄTSLOSE Die Eltern von Ayten D. kamen vor gut 40 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. „Und kaum hatten sie sich eingebürgert, wählten sie die SPD. Nicht, weil sie das Wahlprogramm kannten, sondern weil es als Arbeiter so üblich war“, sagt Ayten D.* Doch so einfach will sich die 33-Jährige das Kreuz auf dem Wahlzettel nicht machen. „Ich habe einen ganz anderen Background als meine Eltern. Ich gehöre nicht zur Arbeiterklasse, bin Akademikerin und eher bürgerlich. Bin nicht muslimisch wie meine Eltern, aber auch nicht christlich wie viele deutsche Freunde. Was wählt man da bloß?“

Die Antwort hat die Werbekauffrau mit deutschem Pass bisher nicht gefunden. „Ich werde nicht wegen Cem Özdemir die Grünen oder wegen Aygül Özkan die CDU wählen.“ Den Wahltag gestern verbrachte sie daher ganz unpolitisch: „Ich war mit einigen Freunden im Kino. Was Unpolitischeres ist uns nicht eingefallen. Aber nach dem Kino habe ich mir zumindest kurz die Nachrichten angesehen.“

* Name wurde von der Redaktion verändert

Quelle: RP

 
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