Mönchengladbach: Wo Karneval weiblich ist
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 01.02.2010Mönchengladbach (RPO). Mal gepflegt ausrasten: Die Hausfrauennachmittage im Holter Festzelt sind am ganzen Niederrhein bekannt. Für ausufernde Stimmung, ausgelassene Freude und besorgte Ehemänner. Wie 1800 Frauen Karneval feiern.
Die falsche Nonne ist völlig entzückt, als sie das Holter Festzelt betritt. "Ein Mann, ein Mann!" ruft die rüstige Seniorin im Kostüm. Der schwere Sicherheitsmitarbeiter mit Krawatte und Stecker im Ohr hält inne, um Fassung bemüht, lässt sich einen Knutscher der Dame auf die Wange geben. Es hilft ja alles nichts. Er ist alleine, und an ihm müssen an diesem Nachmittag 1800 Frauen vorbei, alle in aufgewühlter Stimmung über das, was sie an diesem Nachmittag im Holter Festzelt erwartet, nachdem sie von besorgten Ehemännern vor dem Zelt abgesetzt wurden. Wie Borussia wohl gegen Bremen spielt? Für die Frauen zählt aber nur: Fünf Stunden Karneval, völlig männerfrei. Ein Grund zum Ausrasten, natürlich schon am Zelteingang.
Es ist der Hausfrauen-Nachmittag in Holt, und der genießt am Niederrhein so etwas wie Kultstatus. Die Karnevalsgesellschaft (KG) Immer lustig Holt hat in 30 Jahren etwas geschaffen, dass es so kein zweites Mal gibt. 1979 begann die KG Immer lustig Holt mit der Hausfrauen-Sitzung in einem traditionellen Saal. Der war immer ausverkauft mit 600 Karnevalistinnen. Nach einem kurzen Abstecher in die Turnhalle wird's seit 1993 immer das Zelt an der Immelmannstraße aufgebaut. Die Sitzungen waren immer voll, das Zelt wurde größer, die Sitzung blieb aber voll. In diesem Jahr standen 500 Frauen auf der Warteliste, die KG entschied, noch eine zweite Damensitzung dranzuhängen. Jetzt feiern an zwei Samstagen 3600 Frauen im Holter Zelt Karneval - eine der größten Damensitzungen überhaupt in NRW. Und wie sie feiern. "Hier kann man tun, was man sonst nicht tut", sagt der Vorsitzende Günter Claßen stolz. "Das ist Volkskarneval: Von der Geschäftsfrau bis zur Arbeitslosen ist alles da. Wir können nicht begründen, warum. Wir wissen aber: Das ist richtig."
Kaum zieht der Elferrat - komplett weiblich, versteht sich - im pinken Hippie-Outfit ein, kocht der Saal. Marienkäfer tanzen auf den Tischen, Engel und Teufel schunkeln, Polizistinnen klatschen. Musik und Schunkeln, am besten noch zu einem Männerballett aus der Nachbarschaft, das sich am Ende des Tages auf der Bühne nach Kräften bemüht, sich lächerlich zu machen, was aber nicht funktioniert, weil es genau das ist, was die Frauen auf ihrer Sitzung erleben wollen. Das Holter Männerballett sind die Stars auf der Bühne der Damensitzung. Das Bienchen unter den ganzen Marienkäfern am Tisch ganz hinten ist zum ersten Mal beim Hausfrauennachmittag. "Die Stimmung ist ja Wahnsinn", brüllt Marienkäfer Sandra (35), die sonst immer nach Köln zum Karneval gefahren ist. Seit Samstag weiß sie: Holt geht auch. "Frauen alleine - das geht mehr ab."
Ein solches Publikum, zum gepflegten Ausrasten gekommen, mit Wortwitz zu bespaßen, das ist gar nicht so einfach, meint Bauchredner Peter Kerscher. Wenn mal nicht geschunkelt wird, wird erzählt. "Und 1800 Frauen - die haben sich was zu erzählen", sagt er, packt seinen Koffer und fährt weiter nach Lürrip zur Sitzung. Auf Herrensitzung hat Seinesgleichen es einfacher.
Nur eines, das ist auf beiden Sitzungen wohl gleich: Als die Band "Die Cöllner" fertig geschunkelt hat, greift Sitzungspräsidentin Rita Gehlen zum Mikrofon: "Borussia führt 4:1!" Grenzenloser Jubel, nur eben ein paar Tonlagen höher.
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