Mönchengladbach: Zu arm für ein Kind?
VON HOLGER HINTZEN - zuletzt aktualisiert: 15.07.2008Mönchengladbach (RPO). Rund jede dritte Schwangere in Mönchengladbach sucht bei einer Beratungsstelle Hilfe. Geldmangel ist immer häufiger ein Problem – und einer der Gründe, über eine Abtreibung nachzudenken.
Birgit Richters macht nicht den Eindruck einer Frau, die zu Übertreibungen neigt. Dennoch scheut die Mitarbeiterin des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF) nicht die Bezeichnung „enorm“. Und die Zahlen, die Richters dann nennt, offenbaren ein Problem, dessen Ausmaß mit „enorm“ eher noch unzureichend beschrieben ist. „Jede vierte Schwangere in Mönchengladbach kommt zu uns, weil sie eine Beratung braucht“, sagt die Sozialarbeiterin. Damit ist die Statistik noch nicht erschöpft: 70 Prozent aller Rat suchenden beziehen Sozialleistungen vom Staat; bei 90 Prozent gehören finanzielle Nöte zu den Gründen, die eine Schwangerschaft als schwer oder gar nicht zu bewältigen erscheinen lassen.
Schwangere unterstützen
Eine Erfahrung, die nicht nur der SKF macht. Die Einrichtung ist nur eine von vier Organisationen in der Stadt, die Schwangeren Hilfen bieten. Mithin ist der Anteil der werdenden Mütter, die Rat suchen, noch um einiges höher als 25 Prozent. Und: Als katholische Stelle versucht der SKF, Schwangere zu unterstützen – auch finanziell. Er darf seit einigen Jahren aber keine Bescheinigungen über eine „Konfliktberatung“ mehr ausstellen, die eine straffreie Abtreibung ermöglichen. Frauen, die ernsthaft einen Schwangerschaftsabbruch erwägen oder fest dazu entschlossen sind, suchen meist anderswo Rat.
Die Beratungsstellen
Adressen Sozialdienst Katholischer Frauen, Lindenstr. 71, Tel. 02161 981889; Pro Familia, Friedhofstr. 39, Tel. 02166 249371, Donum Vitae, Waldhausener Str. 67, Tel. 02161 406835; Erziehungs- und Familienberatungsstelle Rheydt, Hauptstr. 200, Tel. 02166 615921
Leistungen Die Stellen beraten Frauen bei finanziellen, rechtlichen und psychischen Problemen während der Schwangerschaft. Sie können auch mitunter finanzielle Hilfen bieten. Der Sozialdienst Katholischer Frauen darf keine Bescheinigungen über eine Konfliktberatung ausstellen, die für eine straffreie Abtreibung nötig ist.
387 solcher Konfliktberatungen gab es im vorigen Jahr alleine beim Verein Pro Familia. Auch wenn nicht in jedem Fall eine Abtreibung folgte: Dass finanzielle Nöte immer häufiger Frauen und Paare verzweifeln lassen, hat auch Pro Familia festgestellt. Zu den 387 Konflikberatungen kamen 147 Fälle, in denen Frauen während der Schwangerschaft geholfen wurde. In beiden Gruppen häufig vertreten: Alleinerziehende und Hartz-IV-Empfänger. Kein Wunder, bei 7500 Alleinerziehenden und 37 000 Hartz-IV-Empfängern in Mönchengladbach. Aber schwierige finanzielle Lagen und Armut kennen auch Familien und Berufstätige. „Zu uns kommen auch Leute, die den ganzen Tag und mitunter in mehreren Jobs arbeiten, und dennoch keine vierköpfige Familie ernähren können“, sagt Hannelore Lambertz-Eichhoff, Sozialarbeiterin bei Pro Familia.
Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes hellt die Zukunftsperspektive auch nicht gerade auf. Hinzu kommt: Eine wachsende Zahl von Menschen hat nur noch einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag. „Wenn dann eine Frau sagt, sie sei schwanger, sieht es für eine Verlängerung des Vertrags natürlich schlecht aus“, sagt Richters.
Nach Einschätzung der SKF-Beraterin hat sich auch die Haltung der Ratsuchenden verändert. Während in früheren Jahren Klientinnen mitunter fordernd auftraten, seien sie heute sehr dankbar für Hilfen. Mitunter fast schon zu dankbar, meint Richters: „Heute ist die Situation für viele nicht nur gefühlt schlecht, sie ist objektiv schlecht.“
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






