Nettetal: 35 Cent für eine sichere Zukunft
VON ANGELIKA RITZKA - zuletzt aktualisiert: 24.09.2009Nettetal (RPO). Eine Gruppe von Lobbericher Milchbäuerinnen protestiert auf ihre Art gegen den Verfall der Preise: Sie haben an sechs Schilder im Ort aufgestellt, mit denen sie die Politiker an ihre Pflicht erinnern, den Landwirten zu helfen.
Die Schilder sind nicht schön. Sie wirken improvisiert und wie in Hast hergestellt. Annette Siemes ist das egal. Ihren Mitstreiterinnen Gerda Nelissen, Maria van der Beek und Gisela Wolfers auch. Den Milchbäuerinnen geht es um die Sache. Der Spruch "Wer Bauern quält, wird nicht gewählt", handgesprüht auf große Laken, und sechsmal auf Ackerflächen nahe Lobbericher Straßen zu sehen, ist für sie ein Hilferuf.
"Wir vermissen Unterstützung"
Der Preis für einen Liter Milch ist inzwischen für die Erzeuger auf 20 Cent gesunken. Die Lobbericher Landwirtinnen möchten mit der Aktion deutlich machen: Für die Milchbauern geht es jetzt um ihre Existenz. "Wir vermissen die Unterstützung der deutschen Politik", sagt Annette Siemes. "Wir finden kein Gehör." Und so bangen die Frauen – genau wie ihre Ehemänner – um die Zukunft der Betriebe. 35 Cent, so sagen die Bäuerinnen, müssten an sie als Erzeuger gezahlt werden, damit sie rentabel arbeiten können. "Wir können nicht mehr mit ansehen, dass der Liter Milch nur noch die Hälfte einer Briefmarke wert ist", sagt Maria van der Beek.
Milch zu verschenken
Protest Milchbäuerinnen aus dem gesamten Kreis Viersen protestieren am Freitag, 25. September, 10.30 Uhr, bei einer Aktion in der Kempener Fußgängerzone gegen den Preisverfall. Sie verschenken Frischmilch, die es kaum mehr im Supermarkt gibt, an die Bevölkerung. Auch die Milchbäuerinnen aus Lobberich sind dabei.
Dieser billig verkaufte Liter Milch ist hart erarbeitet: Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. "Um 6 Uhr stehen wir im Stall", beschreibt Gerda Nelissen einen typischen Arbeitstag. Vor dem Frühstück sind zwei bis drei Stunden Stallarbeit angesagt. Melken, Tiere füttern, Stall ausmisten. Danach ist meist die Büroarbeit dran. "Alles muss dokumentiert werden", sagt Nelissen. "Der Papierkram ist sehr arbeitsaufwändig geworden." Futteranfahren auf dem Feld ist eine weitere Aufgabe. Zudem müssen die Boxen der Jungtiere gereinigt und desinfiziert werden. Für die Frauen kommt dazu noch die ganz normale Hausarbeit und das Kümmern um die Kinder. "Um 17 Uhr geht es wieder in den Stall", so Gerda Nelissen. "Wir sind dort nie vor 19 Uhr fertig." Vier bis fünf Stunden Stallarbeit gehören zur täglichen Routine.
Dabei kümmern sich die Landwirte nicht nur um die Kühe, sondern auch um die Jungtiere. Zwei Jahre dauere es, bis ein Tier Milch gibt. Davor muss es aufgezogen, gepflegt, geimpft werden. Auf Nelissens Hof stehen 60 Kühe und 30 Kälber und Färsen. Bei van der Beek sind es 38 Kühe und 30 Jungtiere. Bei Wolfers und Siemes jeweils 70 Kühe und 40 Jungtiere. "Wir müssten eigentlich Jungtiere zukaufen", sagt Gerda Nelissen. "Aber im Moment ist das für uns kein Thema."
Besser Kfz-Mechaniker werden
Auch in anderer Hinsicht ist die Zukunft für viele Höfe ungewiss. Gisela Wolfers' Sohn Jan ist 19 Jahre alt. "Er hat Freude an der Arbeit, aber wir können ihm doch nicht sagen: Mach weiter." Ob er den Betrieb irgendwann übernehmen möchte, müsse er selbst wissen. Annette Siemes' Sohn Stefan hat sich bereits entschieden. "Er wollte unbedingt Bauer werden", erzählt sie. Mit 15 sagte er: "Ich bin doch nicht bescheuert." Inzwischen ist Stefan Siemes 20 Jahre alt und Kfz-Mechaniker. Seine Mutter kann's ihm nicht verdenken. "Man muss Idealist sein, um diesen Beruf zu ergreifen."
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